Erklärungs- und Bildungsmonopol
Verfechter einer naturalistischen Auffassung von der Natur tendieren häufig dazu, ihre Weltsicht zu verabsolutieren. Andersdenkende werden nicht selten mit autoritären Mitteln oder durch Polemik am öffentlichen Diskurs gehindert.
1.0 Inhalt
Anhand von aktuellen Beispielen wird gezeigt, mit welchen Mitteln versucht wird, evolutionskritisches Gedankengut von einer öffentlichen Diskussion fernzuhalten.
1.1 Umgang mit Evolutionskritikern
Vertreter eines weltanschaulichen Naturalismus sind fast immer unduldsam gegenüber anderen Auffassungen von der Natur. Es scheint so, also ob für sie die bloße Möglichkeit, die Lebewesen und ihre Herkunft auch nicht-naturalistisch zu erklären, als Bedrohung für die eigene Sichtweise empfunden wird. Alternativen Sichtweisen wird oft jedes Recht abgesprochen, in einer wissenschaftlichen Diskussion ernstgenommen zu werden. Andere Auffassungen werden häufig totgeschwiegen oder mit autoritären Mitteln anstelle von Sachargumenten bekämpft.
1.2 Ein Beispiel aus der ZEIT
Ein Beispiel aus dem Beitrag „Entwürfe in Gottes Namen“ in der ZEIT vom 30.04.03 (19/2003) soll diese Situation illustrieren. Darin wird eine Auseinandersetzung mit der „Intelligent Design“-Bewegung geschildert. Unter anderem geht es dabei um die Saugfalle des Wasserschlauchs (Utricularia), einer Wasserpflanze, die einen ausgeklügelten Fangmechanismus besitzt. Darüber hat der Kölner Genetiker W.-E. Lönnig einen evolutionskritischen Beitrag publiziert. Der Artikel in der ZEIT berichtet u. a. über die Sperrung evolutionskritischer Beiträge von Lönnig, die zuvor auf der Homepage des Max-Planck-Instituts für Züchtungsgenetik in Köln angesiedelt waren. Der ZEIT-Artikel endet wie folgt:
„Sind die erstaunlichen Fähigkeiten von Utricularia vulgaris auf dem Reißbrett einer unbekannten Größe entstanden? Handelt es sich, wie Lönnig sagt, um ein Beispiel für „nichtreduzierbare Komplexität“ – ein Begriff, den Michael J. Behe, Biologe in Diensten des Discovery Institute, geprägt hat? Nach Kutscheras Ansicht hat kein Schöpfer bei diesem Geniestreich an der Pflanze herumgefingert. Zöge man den Einfluss übernatürlicher Kräfte in Betracht, dann „kann man die Naturwissenschaften abschreiben“. Einzig biologische Laien, sagt Kutschera, fielen auf die plumpen Argumente von Lönnig herein. Der Wasserschlauch zähle, gerade wegen seiner bizarren Fresskünste, zu den Paradebeispielen – für die Kräfte der Evolution.“
Tatsächlich ist jedoch völlig unklar, wie der Wasserschlauch evolutionär entstanden ist. Wenn der Botaniker Kutschera nun behauptet, der Wasserschlauch gehöre „gerade wegen seiner bizarren Fresskünste, zu den Paradebeispielen für die Kräfte der Evolution“, so ist das eine sachlich nicht gedeckte Behauptung, sondern Ausdruck einer persönlichen Meinung. Der unkundige Leser wird jedoch fälschlicherweise annehmen, dass dieses Gebilde evolutionstheoretisch verstanden sei. In Wirklichkeit handelt es sich um eine bloße Behauptung, die von einer für viele als Autorität geltenden Person ausgesprochen wurde und daher ein gewisses Gewicht hat.
Weiter wird der Zugang zur eigentlichen naturwissenschaftlichen Fragestellung („Wie ist die hochkomplexe Synorganisation der Saugfalle des Wasserschlauchs durch evolutionäre Mechanismen entstanden?“) durch Polemik blockiert. Denn der Lönnig-Kritiker Kutschera behauptet einfach, auf solch „plumpe Argumente“ würden nur biologische Laien „hereinfallen“. Wenn es sich wirklich um „plumpe Argumente“ handeln würde, so könnte man sie sicher leicht als solche entlarven und den Andersdenkenden damit widerlegen. Doch das geschieht hier und in vielen ähnlich gelagerten Fällen nicht. Die sachliche Seite der Fragestellung wird häufig in solchen Auseinandersetzungen gar nicht ernsthaft diskutiert.
1.3 Das evolutionskritische Lehrbuch in der Diskussion
In dieser Art wurde auch häufig mit dem evolutionskritischen Standardwerk „Evolution – ein kritisches Lehrbuch“ verfahren. Die meisten Rezensionen dieses Buches gehen auf die naturwissenschaftlichen Argumente kaum oder überhaupt nicht ein. Martin Mahner räumt in „Skeptiker“ 4/99 (herausgegeben von der Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften e. V.) ein, dass die Darstellung der Evolutionstheorie im evolutionskritischen Lehrbuch „vergleichsweise fair“ sei und dass die Autoren auf dem neuesten Stand der Forschung seien. Er schließt dann aber mit den Worten: „Dieses Buch ist eines der gelungensten Propagandastücke des Kreationismus. Wer sich damit auseinandersetzen will oder muss, wird sich daher kaum auf Biologisches beschränken können, sondern zusätzlich auf Wissenschaftsphilosophie und eventuell sogar Religionskritik zurückgreifen müssen“. Wenn der Inhalt des Buches mit „Propaganda“ etikettiert wird, soll damit wohl der Leser von einer Beschäftigung damit abgehalten werden. Wer will schon einer Propaganda auf den Leim gehen? Auffällig häufig wird wissenschaftstheoretische Kritik an den Aussagen und Zielsetzungen des Lehrbuchs geäußert. Diese Kritik läuft meist darauf hinaus, im (wissenschaftstheoretischen) Vorfeld der eigentlichen Sachauseinandersetzung die Evolutionskritik als im Ansatz verfehlt darzustellen. Damit würde eine Auseinandersetzung mit den Inhalten im Einzelnen überflüssig.
Autor: Reinhard Junker, 01.01.2004
Aktualisiert am 07.01.2024 (B. Scholl); © beim Autor; alter Link: 2004, https://www.genesisnet.info/schoepfung_evolution/i40425.php