Methodik der empirischen Forschung

Methodik der empirischen Forschung

Der Naturwissenschaftler stößt an Grenzen, wenn es darum geht, vergangene Prozesse zu rekonstruieren, die der unmittelbaren Untersuchung nicht zugänglich sind, weil sie nicht wiederholt werden können.

1.0 Inhalt

In diesem Abschnitt wird gezeigt, wie vergangene Abläufe rekonstruiert werden können, welche Grenzen dieser Forschung gesetzt sind und inwiefern weltanschauliche Vorgaben die Deutungen steuern oder beeinflussen.

1.1 Wie können einmalige Ereignisse erforscht werden?

Nach dem bisher Gesagten kann die Geschichte des Lebens nur bedingt mit der empirischen Methode der Naturwissenschaften rekonstruiert werden. Denn die Entstehung sowie die Geschichte der Lebewesen auf unserem Planeten ist einmalig und nicht reproduzierbar. Naturwissenschaft dagegen befasst sich mit gegenwärtig ablaufenden Vorgängen und gegenwärtigen Strukturen der Welt, die eine Reproduzierbarkeit erlauben. Es ist ja nicht möglich, die Geschichte der Lebewesen genauso wie gegenwärtige Phänomene durch experimentelle Studien zu erhellen.

Ein Beispiel soll dies verdeutlichen: Wir denken uns, man könne aus einem Reptil einen Vogel züchten. Dadurch könnte allenfalls gezeigt werden, auf welche Weise sich eine Entwicklung von einem Reptil zu einem Vogel vollziehen kann und in der Vergangenheit (in der Erdgeschichte) vollzogen haben könnte. Man hätte damit zwar ein starkes Argument, aber keinen Beweis dafür, dass es im Laufe der Erdgeschichte eine Entwicklung von Reptilien zu Vögeln gegeben hat, und es wäre auch nicht geklärt, auf welche Weise eine solche Entwicklung stattgefunden hätte. Denn die experimentellen Bedingungen einer Vogelentwicklung aus Reptilien wären sicher nicht mit den in der Erdgeschichte vorhandenen identisch gewesen. Im einen Fall wäre die Entwicklung zufällig erfolgt, während im Labor gezielt, unter Einsatz von Intelligenz gearbeitet wird. Ein echter (direkter) Nachweis wäre nur möglich, wenn man mit einer Zeitmaschine in die Vergangenheit reisen und ein Entwicklungsgeschehen genauso wie gegenwärtige Vorgänge untersuchen könnte. Der Nachweis einer postulierten Entwicklung von Reptilien zu Vögeln muss offenbar anders erfolgen.

1.2 Besonderheiten in der Methodik der historischen Rekonstruktion

Informationen über die Geschichte des Lebens können nur historische Dokumente liefern, also unmittelbare oder mittelbare Zeugen und Spuren aus der Vergangenheit. So gesehen muss Ursprungsforschung – unter welchen Leitvorstellungen sie auch immer erfolgt – primär als Geschichtswissenschaft betrachtet werden.

Dennoch kann Ursprungsforschung auf Ergebnisse der Naturwissenschaften zu-
rückgreifen:

  • Zum einen werden mittels der empirischen Methode Indizien gesammelt, die zu Bausteinen in einer historischen Rekonstruktion werden können. Im Rahmen der Evolutionslehre befasst sich die historische Evolutionsforschung mit solchen Da-
    ten. Dabei kann es sich um Fossilien handeln; aber auch Daten über den Bau oder das Erbgut heute lebender Arten werden maßgeblich herangezogen (s. Artikel „Die Teilgebiete der Evolutionsforschung – Historische Evolutionsforschung“ (https://genesis-net.de/e/1-3-a/1-2/)).
  • Zum anderen wird auf dem Gebiet der kausalen Evolutionsforschung (Ursachenforschung) empirisch gearbeitet. Es ist möglich, Mechanismen und Vorgänge, die eine Höherentwicklung der Organismen bewirken sollen, in Freilandstudien oder experimentell zu untersuchen. Daraus ergeben sich weitere Daten zum Verständnis der Geschichte der Lebewesen.

Die Bildung von Hypothesen über einzelne Abläufe in der Geschichte des Lebens erfolgt methodisch in derselben Weise wie die Hypothesenbildung in der empirischen Forschung: Empirische Daten werden im Rahmen einer hypothetischen historischen Rekonstruktion miteinander in Beziehung gebracht. Dennoch gibt bei der historischen Rekonstruktion gegenüber der empirischen Methode bedeutsame Unterschiede:

  • Experimente sind nicht möglich.
  • Es gibt keine Möglichkeit zur Reproduktion der Ergebnisse (man kann die Ge-
    schichte des Lebens nicht noch einmal von vorne starten lassen).
  • Der untersuchte Gegenstand (der vergangene Ablauf) ist einmalig; gesetzhafte Aussagen („Wenn X eintritt, dann geschieht Y“) sind daher nicht möglich.

Neben diesen grundsätzlichen Unterschieden gibt es einen graduellen Unter-
schied, der aber meistens sehr bedeutsam ist:

  • Die Datenbasis ist oft sehr gering und kann meistens auch nur geringfügig erweitert werden. Zum Beispiel sind von vielen fossilen Arten nur einzelne bruchstückhafte Exemplare bekannt. Diese Datenbasis ist zwar grundsätzlich erweiterbar, doch ist dies kaum gezielt möglich. Von der Fossilgeschichte einer Art (z. B. des Menschen) stehen nur einzelne Momentaufnahmen zur Verfügung, also nur winzige Bruchteile eines lang andauernden Vorgangs, der erschlossen werden soll.

1.3 Folgerungen

  • Wenn die Datenbasis schmal ist, bietet sie unter Umständen mehrere verschiedene Möglichkeiten, die vorliegenden Daten in ein stimmiges Ablauf-Szenario einzubauen. Man kann diese Situation mit einem Schaukasten vergleichen, der vor einem Kino steht. Darin mögen 5 oder 6 Szenenfotos abgebildet sein. Ohne einen beigefügten Text wird man sich schwer tun, daraus eine Handlung zu rekonstruieren, und noch viel weniger wird eine solche Rekonstruktion in eindeutiger Weise möglich sein.
  • Die Testbarkeit von Hypothesen über vergangene Abläufe ist nur sehr eingeschränkt möglich. Beispielsweise gab es jahrzehntelang folgende Hypothese über die Entstehung von Vierbeinern aus Fischen: Die Vorfahren der Vierbeiner waren einem ökologischen Stress durch Austrocknen der Tümpel, in denen sie lebten, ausgesetzt. Diejenigen Fische, die in der Lage waren, mit etwas veränderten Flossen zum nächsten Tümpel zu kriechen, konnten überleben. Unter diesem Auslesedruck sollen sich die Landextremitäten gebildet haben. Damit war eine der nötigen Voraussetzungen für die die Eroberung des Festlandes gegeben. Wie konnte eine solche Hypothese geprüft werden? Offenkundig enthielt sie viel spekulative Elemente und war nur sehr schwammig formuliert. Dennoch konnte man aus ihr die Vorhersage ableiten, dass Extremitäten mit Fingern nur bei mindestens teilweise landlebenden Wirbeltieren vorkommen würden. So hat man das in der Paläontologie (Fossilforschung) auch lange gesehen. Später wurden dann aber Wirbeltiere entdeckt, die eine typische Vierbeiner-Extremität (mit Fingern) besaßen, aus deren sonstigem Körperbau aber ein ausschließliches Wasserleben gefolgert werden musste. Daher musste nach evolutionstheoretischer Deutung die Vierbeiner-Extremität bereits im Wasser entstanden sein. Und damit war das oben geschilderte Szenario der Eroberung des Landes unplausibel, wenn nicht sogar widerlegt. (Mit dem Thema des Übergangs vom Wasser ans Land beschäftigen wir uns ausführlicher und systematischer an anderer Stelle.)
  • Es sind kaum Vorhersagen möglich. In vielen Fällen können höchstens Retrodiktionen formuliert werden, also Erwartungen über Dinge, die früher passiert sein müssen oder Erwartungen von Fossilfunden, die man entdecken sollte, wenn die zugrundeliegende Hypothese zutrifft.

1.4 Überbrückung des Nichtwissens

Alles in allem ist es viel schwieriger, einigermaßen sichere Aussagen über vergangene Abläufe zu machen. Beweise sind nicht möglich, sondern nur Plausibilitätsbetrachtungen. Die Erfahrung zeigt, dass dabei subjektive Einschätzungen eine relativ große Rolle spielen können.

Hypothesen werden manchmal als „Überbrückung des Nichtwissens“ bezeichnet. In historischen Forschung ist das zu überbrückende Nichtwissen in der Regel weit-
aus größer als in der Gegenwartsforschung.

In der Wissenschaftstheorie wird die Unterscheidung zwischen Gegenwartsforschung und historische Rekonstruktion relativ wenig thematisiert. In manchen Arbeiten, die sich mit dem wissenschaftstheoretischen Status der Evolutionstheorie befassen, wird zwischen „nomologisch-deduktiven“ und „historisch-narrativen“ Erklärungen unterschieden. Nomologisch-deduktive Erklärungen entsprechen dem hier unter „Methode der empirischen Forschung“ gesagten. Das heißt: Es werden hypothetisch Gesetzmäßigkeiten (nomos = Gesetz) postuliert (angenommen), aus welchen konkrete, testbare Schlussfolgerungen abgeleitet (deduziert) werden. Diese werden dann durch Freilandbeobachtungen oder Laborexperimente überprüft. Historisch-narrative Erklärungen dagegen versuchen das vorhandene Belegmaterial durch ein mutmaßliches historisches Ablaufszenario (eine Erzählung = lat. narratio) zusammenzufügen.

1.5 Einwand: Es gibt keine besondere historische Methode in den Naturwissenschaften

In den Darstellungen der Evolutionstheorie wird häufig nicht darauf hingewiesen, dass es sich dabei in ihrer Gesamtheit um eine historische Theorie handelt. Meist unausgesprochen wird sie methodologisch (was die methodische Herangehens-
weise betrifft) auf dieselbe Stufe mit empirisch Theorien gestellt. Manchmal wird auch ausdrücklich behauptet, es gäbe zwischen empirischen und historischen Theorien keinen Unterschied in der anzuwendenden Methodik. So weist Martin Neukamm auf seiner Homepage (http://www.martin-neukamm.de/, Stand 2003) darauf hin, dass in jedem Fall – auch wenn es um Gegenwartsprozesse geht – nur ein indirekter Zugang zur Realität möglich ist. Historische Theorien hätten daher gegenüber anderen Theorien keinen besonderen Status.

Gegenkritik: Auch wenn Gegenwartsphänomene oft ebenfalls nur indirekt zugänglich sind, gibt es doch direkt zugängliche Daten, etwa Spuren in einer Blasenkammer oder Ausschläge auf einem Messinstrument. In vielen Fällen ist der Zugang viel direkter. Je indirekter der Zugang ist, desto unsicherer werden natürlich auch Gegenwartstheorien. Es gibt Grade von Unsicherheit und das oben Gesagte über die Unterscheidung zwischen Gegenwartstheorien und historischen Theorien ist durch den Neukammschen Einwand nicht entkräftet. Der Einwand von Neukamm läuft darauf hinaus, nicht nur die Unsicherheit historischer Theorien, sondern auch die Unsicherheit von Gegenwartstheorien herauszustellen.

1.6 Schlussfolgerungen

Wissenschaftliche Theorien können generell niemals als endgültig wahr erwiesen werden. Die Ursprungslehren können ihre Aussagen, soweit sie wissenschaftlich begründet werden, grundsätzlich nur als Plausibilitäten formulieren, weil die Prüfmöglichkeiten beschränkt sind oder nur indirekter Art sind. Die Folgen für die Evolutionstheorie werden im Folgenden Abschnitt diskutiert.

1.7 Die Evolutionslehre als historische Wissenschaft

Die Evolutionslehre befasst sich mit der Entstehung und der Geschichte der Lebe-
wesen. Wie schon erwähnt, werden die kausale und die historische Evolutionsforschung unterschieden. Durch kausale Evolutionsforschung werden Ursachen des Formenwandels untersucht; dieses Gebiet gehört zu den empirischen Wissenschaften. Historische Evolutionsforschung fragt nach Belegen für eine allgemeine Evolution der Lebewesen. Außerdem versucht sie, die Abstammungslinien im Einzelnen zu rekonstruieren. Dieses Gebiet gehört in erster Linie zu den historischen Wissenschaften, auch wenn auf die Ergebnisse der empirischen Wissenschaften zurückgegriffen wird.

Im Folgenden geht es um die historische Evolutionsforschung.

1.8 Methodischer Naturalismus in der Naturgeschichtsforschung

Auch vergangene Geschehnisse in der Natur werden heute üblicherweise im Rahmen des methodischen Naturalismus gedeutet. Dies läuft auf den Versuch hinaus, die Entstehung und Geschichte des Lebens ohne transzendente Ursachen zu er-
klären. Das heißt: Bei der Rekonstruktion der Geschichte des Lebens werden prinzipiell nur empirisch fassbare Faktoren berücksichtigt. Eine besondere Schöpfung wird ausgeschlossen.

Wie erläutert, können einmalige, vergangene Vorgänge jedoch nicht experimentell oder durch direkte Naturbeobachtung untersucht werden. Es handelt sich insofern um einen andersartigen Erkenntnisgegenstand, als er – weil vergangen und unwiederholbar – nicht durch eine Faktorenanalyse (s. „Methodik der empirischen Forschung“ (https://genesis-net.de/a/1-1/3-1-2/)) untersucht werden kann. Denn es ist hier nicht wie im Experimental-
rahmen möglich, zwei Testreihen mit variablen Randbedingungen durchzuführen: einmal unter der Annahme einer direkten Schöpfung und einmal ohne diese Annahme. Diese Annahmen müssen vielmehr als Grundüberzeugungen vorgegeben werden. Im Bereich der Rekonstruktion der Naturgeschichte muss immer eine inhaltliche Vorentscheidung getroffen werden. Der Ausschluss einer besonderen Schöpfung kann nicht mittels naturwissenschaftlicher Daten begründet werden.

Auf der Basis des methodischen Naturalismus können auch Simulationsexperimente durchgeführt werden. Diese werden bestenfalls zeigen, wie vergangene Prozesse in der Erdgeschichte abgelaufen sein könnten, nicht aber, ob sie so tatsächlich stattgefunden haben.

1.9 Methodischer Naturalismus trotz verschiedener Grundannahmen

Werden bei der Frage nach der Entstehung der Welt und des Lebens nur natur-
wissenschaftlich nachweisbare Faktoren zugrunde gelegt, so erscheint unter Berücksichtigung der vorliegenden objektiven Daten eine evolutionäre Deutung der Geschichte des Lebens naheliegend. Wenn nämlich eine fertige Schöpfung ausgeschlossen wird, dann war die Welt zu Beginn (wenn überhaupt ein Beginn angenommen wird) einerseits sehr einfach strukturiert. Andererseits sind nur sehr geringfügige Änderungen bei Lebewesen durch natürliche Prozesse bekannt. Dies führt zur Hypothese, dass die Entstehung und Entfaltung des Lebens allmählich, durch schrittweise Steigerung der Komplexität erfolgt ist, womit Kernaussagen einer evolutionären Weltsicht umrissen sind.

Der methodische Naturalismus kann aber auch auf der Basis von Schöpfungsanschauungen zugrunde gelegt werden. Am Anfang der Geschichte des Lebens stehen fertige polyvalente Grundtypen. Deren nachfolgende Geschichte kann genauso wie die hypothetische Evolutionsgeschichte naturalistisch untersucht werden (SCHÖPFUNG).

1.10 Grenzen des methodischen Naturalismus

Sofern der methodische Naturalismus nur als methodische Herangehensweise verwendet wird, ist er auf der Basis beliebiger Ursprungsvorstellungen anwendbar. Es handelt sich einfach um ein Erkenntnis-Werkzeug, das für bestimmte Problemstellungen geeignet ist. Wie jedes Werkzeug ist der methodische Naturalismus jedoch nicht universal anwendbar. Der Naturalismus als Erkenntnismethode hat seine Grenzen. Er kann ein transzendentes Wirken eines Schöpfers weder nachweisen noch ausschließen. Er ist kein Werkzeug, um zu beurteilen, ob am Anfang der Geschichte des Kosmos oder am Anfang der Geschichte des Lebens fertige Strukturen (ein strukturierter Kosmos; Grundtypen des Lebens usw.) standen oder nicht.

Jede Vorstellung von den Ursprüngen muss mit inhaltlichen Vorgaben starten, die nicht rein methodisch und auch nicht empirisch begründbar sind. Dies führt uns in den Zusammenhang von Wissenschaft und Weltanschauung, was Gegenstand des nächsten Artikels „Wissenschaft und Weltanschauung“ (https://genesis-net.de/a/1-1/3-3/) ist.

Literaturhinweise finden sich in der Experten-Version zu diesem Artikel.

Autor: Reinhard Junker, 05.01.2004

Aktualisiert am 07.01.2024 (B. Scholl); © beim Autor; alter Link: 2004, https://www.genesisnet.info/schoepfung_evolution/i40462.php

Hier geht’s zum Expertentext.

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