Wissenschaft und Weltanschauung
Wissenschaft geschieht nicht in einem „luftleeren Raum“, d. h. nicht in einem weltanschaulich neutralen Bereich. Fragestellungen und Methodik werden vielmehr von zugrundeliegenden weltanschaulichen Vorstellungen beeinflusst.
1.0 Inhalt
Es wird gezeigt, weshalb in der Wissenschaft, insbesondere in der Ursprungsfrage unvermeidlich weltanschauliche Vorgaben den konkreten wissenschaftlichen Arbeiten zugrundeliegen. Hier ist eine Wahl, eine Glaubensentscheidung unumgänglich. Ohne diese Vorgaben kann die Ursprungsfrage nicht beantwortet werden.
1.1 Weltanschaulicher Naturalismus
Jede wissenschaftliche Tätigkeit ist in einen größeren Zusammenhang eingebettet, der über den eigentlichen wissenschaftlichen Bereich hinausgeht. Die Methode der empirischen Wissenschaften („Methodik der empirischen Forschung“ (https://genesis-net.de/a/1-1/3-1-2/)) ist ein wirksames Werkzeug, mit dem zahlreiche Erkenntnisse gewonnen werden können. Zweifellos hat sich diese Methode als sehr erfolgreich erwiesen, wenn es um die Beschreibung der Natur und um das Aufdecken von Ursache-Wirkungszusammenhängen geht. Dennoch hat dieses Werkzeug seine Grenzen; es ist kein Universalwerkzeug, mit dem alle Fragen des Lebens beantwortet werden könnten.
In Fragen der Ursprünge und der Geschichte kann die empirische Methode nur begrenzt relevante Daten anliefern und Hypothesen sind nur sehr eingeschränkt testbar (s. Artikel „Methodik der historischen Forschung“ (https://genesis-net.de/a/1-1/3-2/)). Darüber hinaus ist es aber auch nicht möglich, mittels objektiver Daten festzustellen, ob die empirisch fassbaren Mechanismen überhaupt ausreichen, um alle Fragen des Lebens und seines Ursprungs zu beantworten. Im Artikel „Die heutige Stellung vieler Biologen“ (https://genesis-net.de/a/1-1/1-4/) wurde Richard Lewontin zitiert, der von einer „Festlegung“ auf empirisch fassbare Mechanismen spricht, die offenkundig weltanschaulich begründet ist. Der zugrundeliegende Naturalismus hat hier nicht nur eine methodische Seite, sondern – wie man es in der Philosophie sagt – eine ontologische, d. h. eine seinsmäßige. Wir verwenden hier den gewohnten Begriff „weltanschaulich“. Die beiden Versionen des Naturalismus kann man wie folgt kennzeichnen:
- Naturalismus als Methode: Es werden nur Erklärungen zugelassen, die sich auf natürliche Vorgänge beziehen, die also empirisch begründbar sind. Es bleibt offen, ob überhaupt alle Vorgänge, die in der Natur geschehen oder geschehen sind, ausschließlich auf natürliche Ursachen zurückgehen. Eine transzendente Schöpfung wird nicht prinzipiell ausgeschlossen.
- Naturalismus als Weltanschauung (Ontologie): Alle Vorgänge in der Natur, auch die Ursprünge sind durch ausschließlich natürliche Vorgänge erklärbar. Es geht und ging in der Welt ausschließlich mit natürlichen Dingen zu. Eine transzendente Schöpfung wird ausgeschlossen; die Natur ist „alles“.
Was ist mit „Weltanschauung“ gemeint? „Weltanschauung“ bedeutet in unserem Zusammenhang eine von vornherein (a priori) gefasste Festlegung auf bestimmte Voraussetzungen, die vor aller Erfahrung getroffen werden und nicht durch Erfahrung (empirisch) begründet werden kann. Es geht also um Grenzüberschreitungen in einen Bereich, der außerhalb des empirisch Begründbaren liegt.
Beispiele:
- Der weltanschauliche Naturalismus ist darauf festgelegt, dass in der Welt nur natürliche Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge vorkommen. Offene Fragen sind in dieser Denkweise niemals ein Hinweis auf einen transzendenten Schöpfer. Eine solche Denkvoraussetzung kann nicht aus der Erforschung der Natur hergeleitet werden.
- Die biblische Schöpfungslehre beinhaltet ganz allgemein, dass es eine transzendente Schöpfung gab. In der Biologie wird dies häufig konkretisiert: Die Geschichte des Lebens begann mit fertig erschaffenen Grundtypen. Das Leben begann in komplexer Gestalt. Auch diese Sicht kann nicht aus der Erforschung der Natur ab-
geleitet werden.
1.2 Können Ursprungstheorien scheitern?
Evolutionsforschung ist der Versuch, die Entstehung und Entfaltung des Lebens ausschließlich durch natürliche Prozesse verständlich zu machen. Diese Forschung geschieht somit im Rahmen des weltanschaulichen Naturalismus. Was aber geschieht, wenn dieses Vorhaben scheitert? Wann könnte es als gescheitert gelten? Kann es überhaupt endgültig scheitern?
Beispielsweise liegt nach mittlerweile 50 Jahren weltweit vorangetriebener, intensiver Bemühungen keine Antwort darauf vor, wie Leben aus Nichtleben entstanden sein könnte (s. z. B. „Entstehung von Proteinen“ (https://genesis-net.de/x/1-5/3-1/“) und „Entstehung von Nukleinsäuren“ (https://genesis-net.de/x/1-5/3-2/) und andere Artikel unter „Präbiotische Chemie“). Diese Einschätzung wird von vielen Naturwissenschaftlern geteilt, die selbst auf diesem Gebiet geforscht haben. Welche Schlussfolgerung ist daraus zu ziehen? Wird das Forschungsziel „natürliche Erklärung der Entstehung des Lebens“ aufgegeben? Viele Biologen räumen auch ein, dass durch die bekannten Evolutionsmechanismen die Entstehung komplexer biologischer Strukturen aus einfachen Vorläufern bisher nicht erklärt werden konnte. Welche Konsequenzen hat dies? Ist diese Situation ein Anlass, die naturalistische Grundvoraussetzung der Evolutionslehre in Frage zu stellen?
Die Erfahrung zeigt, dass ein Scheitern evolutionärer Erklärungsansätze in aller Regel nicht dazu führt, das Forschungsziel einer naturalistischen Erklärung der Entstehung des Lebens aufzugeben. Weshalb? Häufig wird darauf verwiesen, dass zukünftige Forschungsergebnisse die gegenwärtigen Widersprüche auflösen und Wissenslücken füllen werden. Entsprechend kann bei ungelösten Fragen oder Falsifizierungen im Rahmen von Schöpfungsanschauungen argumentiert werden.
Wie die empirisch und historisch arbeitende Naturwissenschaft im Rahmen von Schöpfungsmodellen methodisch vorgeht, wird im Artikel „Schöpfung und Wissenschaft“ (https://genesis-net.de/s/0-1/) behandelt.
Der Artikel „Evolutionsparadigma und Naturwissenschaft“ (https://genesis-net.de/a/1-1/3-4/) befasst sich mit dem wissenschaftstheoretischen Status von Evolutionstheorien; darin wird auch die Frage nach einem möglichen Scheitern bzw. nach der Falsifizierung von Evolutionstheorien aufgeworfen und ausführlicher als hier behandelt.
1.3 Ist der Naturalismus falsifizierbar?
Das Evolutionsparadigma (Paradigma = Leitanschauung) fußt auf dem weltanschaulichen Naturalismus. (Im Folgenden ist jetzt immer der weltanschauliche Naturalismus gemeint.) Deren Befürworter behaupten, die Axiome des Naturalismus seien grundsätzlich revidierbar. Das treffe auf den Supranaturalismus bzw. das Schöpfungsparadigma nicht zu, da man – egal, was man auch beobachtet – immer sagen könne, Gott habe das Beobachtete eben auf diese Weise geschaffen. So sei eine chaotische Welt im Rahmen des Schöpfungsparadigmas ebenso denkbar wie eine regelhaft geordnete. Dagegen wäre der Naturalismus keine wissenschaftlich tragfähige Weltanschauung und müsste verworfen werden, wenn die Welt nicht gesetzesmäßig beschreibbar, sondern völlig chaotisch wäre. Eine wissenschaftliche Haltung nehme alles auf den Prüfstand, auch die Grundlagen, auf denen gearbeitet werde. Eine solche Haltung nehme dagegen der Supranaturalismus und mit ihm das Schöpfungsparadigma nicht ein, da bestimmte Vorgaben dogmatisch unter allen Umständen festgehalten würden.
Es ist jedoch nicht einsichtig, warum eine chaotische, gesetzesmäßig nicht beschreibbare Welt nicht naturalistisch verstanden werden könnte. Naturalistisch gesehen könnte eine chaotische Welt vielmehr ohne Weiteres erwartet werden; von einer Widerlegung des Naturalismus könnte in diesem Fall keine Rede sein. Eine chaotische Welt ist keineswegs ein Problem für den Naturalismus. Damit stellt sich die Frage, wie der Naturalismus überhaupt widerlegt werden könnte.
Der Naturalismus kann bei Erklärungsproblemen oder unerwarteten Befunden immer kontern, dass zu wenig über die Natur bekannt sei, um eine rein naturalistische Erklärung definitiv ausschließen zu können. Die Aufklärung hypothetischer Mechanismen wird in die Zukunft verschoben. Auch aus diesem Grund ist der Naturalismus de facto nicht falsifizierbar. Die Forderung, dass eine naturalistische Erklärung als prinzipiell unmöglich erwiesen werden müsse, damit der Naturalismus als gescheitert gelten könne, ist aus demselben Grunde unerfüllbar. Das Scheitern eines weltanschaulichen Naturalismus kann nie endgültig demonstriert werden.
Könnte aber ein Scheiterns des Naturalismus nicht dadurch erfolgen, dass Dinge geschehen, die man nur als Wunder betrachten könnte? Wunder sind vielfach historisch dokumentiert – so gut dies historisch eben möglich ist. Wunder gibt es auch in der Gegenwart, z. B. medizinische Wunder von Spontanheilungen Todkranker. Doch auch hier kann man einem Scheitern des Naturalismus mit dem Hinweis entgehen, man besitze einfach zu wenig Kenntnisse über die natürlichen Heilungskräfte des Körpers; in Wirklichkeit sei gar kein Wunder geschehen. Oder die Realität des geschilderten Sachverhalts wird bestritten (so z. B. bei der Auferstehung Jesu). Jede Falsifikationsmöglichkeit für den Naturalismus kann man umgehen. Der weltanschauliche Naturalismus ist eine außerwissenschaftliche Vorgabe, die von ihren Befürwortern de facto grundsätzlich nicht zur Disposition gestellt wird.
Literaturhinweise finden sich in der Experten-Version zu diesem Artikel.
Autor: Reinhard Junker, 30.05.2005
Aktualisiert am 07.01.2024 (B. Scholl); © beim Autor; alter Link: 2005, https://www.genesisnet.info/schoepfung_evolution/i40463.php