05.05.2026: Haben die 30 Silberlinge des Judaslohns ein Vorbild im Buch Jeremia?

05.05.2026: Haben die 30 Silberlinge des Judaslohns ein Vorbild im Buch Jeremia?

Welchen Zusammenhang gibt es zwischen den 30 Silberlingen des Judaslohns im Matthäusevangelium und alttestamentlichen Propheten? Gibt es diesbezüglich vielleicht eine weitgehend übersehene Parallele zwischen Matthäus, Sacharja und Jeremia?

Benjamin Scholl & Tobias Bergelt

Im Neuen Testament wird in Matthäus 27,3-10 davon berichtet, wie der Verräter Judas nach der Kreuzigung Jesu seinen Judaslohn von 30 Silberlingen zurück in den Tempel wirft und dann Selbstmord begeht. Weil die Hohenpriester solches „Blutgeld“ nicht für den Tempelschatz verwenden wollten, kauften sie dafür „den Acker des Töpfers als Begräbnisstätte für die Fremden“ (Mt 27,7). Anschließend wird berichtet, dass Jeremia das Geschehen schon vorhergesagt habe (Mt 27,9-10). Allerdings weist das im Matthäusevangelium  angeführte Zitat in den alttestamentlichen Texten die größte Ähnlichkeit mit Sacharja 11,12-13 auf und es gibt nur eine geringere Ähnlichkeit mit Jeremia 32,8-9 bzw. 19,10-12 (s. Tab. 1). Welche Lösungen gibt es für diese Diskrepanz?

Tab. 1  Vergleich der jeweiligen Bibelstellen aus Matthäus, Sacharja und Jeremia zum Thema „Judaslohn“ – ähnliche Themen sind farblich markiert. (Elberfelder CSV)

1. Möglicherweise ist der Verweis „Jeremia“ in Matthäus 27 als eine Art Überschrift für die Propheten wie Sacharja insgesamt gemeint. In Sacharja 11 geht es nämlich um eine prophetische Zeichenhandlung, die Sacharja tut, als er die verachteten Schlachtschafe Israels weidet (Tab. 1). Anschließend fragt Sacharja nach seinem Lohn als Hirte (V. 12) und dann deutet Gott das Geschehen auf sich selbst hin (V. 13). Genau wie bei Judas handelt es sich um dieselbe Summe: der „herrliche Lohn“ (Ironie) von 30 Schekel Silber[1].

2. Eine weitere Möglichkeit ist aber, dass es in Matthäus 27,9-10 tatsächlich Bezüge zum Buch Jeremia gibt, die zwischenzeitlich auch im Buch Sacharja aufgegriffen worden sind.

Silber im Sinne von einem konkreten Geldwert kommt in Jeremia nur an einer Stelle vor – und zwar in Jeremia 32,8-9 (Tab. 1). An dieser Stelle wird vom Kauf eines Feldes mit Silber berichtet. Dieses Feld hat eine prophetische Bedeutung in Gottes Plan. Darüber hinaus kommt das Motiv des Töpfers, das sich in Matthäus 27 im Kauf eines Ackers als Begräbnisstelle durch die Hohenpriester mithilfe des Judaslohns findet, noch in Jeremia Kapitel 18 und 19 vor. In Jeremia 19,10-12 (Tab. 1) geht es konkret in einer prophetischer Symbolhandlung um das Gericht der Leute, die Gott ablehnen und dann auf freiem Felde begraben werden, weil sonst kein Platz zum Begraben gibt.

Während man in Israel zur Zeit Jeremias (Ende 7. / Anfang 6. Jh. v. Chr.) direkt vor dem Babylonischen Exil noch mit abgewogenem Silber als Gewichtseinheit zahlte, kamen erst während und nach dem Babylonischen Exil (Sacharja und Matthäus) geprägte Münzen in Israel zum Einsatz (vgl. Lewis 2015a; Crandell 2023, 107f; Kletter 2009, 13). Deutlich wird dies insbesondere am Abwiegen der 17 Schekel in Jeremia 32,9. Da man über 500 judäische Gewichtssteine, z. T. mit Inschrift des Gewichts, aus der Eisenzeit gefunden hat – und zwar vor allem aus dem 7. Jahrhundert v. Chr. –, kann man das Gewicht rekonstruieren: Je nach Literaturangabe entsprach ein Gewichtsschekel Silber einem Gewicht von 11,2 bis 12,2 g (s. Rieneker & Maier 2005, 1042; Lewis 2015a; Crandell 2023, 108f; Kletter 2009, S10). Die 17 Schekel Silber aus Jeremia entsprechen also ca. 189,89 bis 207,4 g Silber. Laut Kletter (2009, 11; 1998, 76) war der „Standard-Schekel“ 11,3 g schwer, was somit 192,1 g Silber entsprach.

Bei Sacharja (Ende 6. Jh. v. Chr.) ist nicht ganz klar, welche Münzen mit den 30 Schekeln Silber gemeint sind, weil verschiedene persische Silbermünzen und eventuell auch das alte Schekelgewicht im Umlauf waren. Hätte es sich um eine persische Silbermünze namens Siglos gehandelt, so hätte deren Gewicht etwa 6 g (bzw. knapp darunter) betragen (Lewin 2015a), was einem Silbergewicht von grob 180 g entsprochen hätte und somit auch ähnlich zu dem Silbergewicht von 17 Schekeln zur Zeit Jeremias gewesen wäre.

Die 30 Silberstücke Judaslohn bekam Judas von den Hohepriestern direkt ausgehändigt (Mt 26,14f) und als er die Silberstücke in den Tempel warf, stellte sich die Frage, ob sie sich darauf einigen konnten, sie als Tempelgabe zu betrachten oder nicht (Mt 27,6). Es besteht Konsens darüber, dass im Herodianischen Tempel zur Zeit Jesu nur zwei Münzarten von der Tempelführung akzeptiert waren (vgl. Stowasser 2007, 42; Rieneker & Maier 2005, 541): Die Tyrische Tetradrachme bzw. der Tyrische Schekel und die Tyrische Didrachme bzw. der Tyrische Halbschekel (Abb. 1). Das Gewicht der Tyrischen Tetradrachme wird allgemein mit 14 g bzw. 14,2 g angegeben; bei der Didrachme sind es äquivalent 7 g bzw. 7,1 g (vgl. Lewis 2015a; Stowasser 2007, 46; Jacobson 2014, 147; Selvén 2016, 63f).

Abb. 1  Tyrischer Halbschekel (oben) und Tyrischer Schekel (unten); Alter ca. 18 n. Chr. Obwohl die Tyrischen (Halb-)Scheckel den tyrischen Stadtgott Melkart in Gestalt von Herkules und den Adler als Vogel des Zeus darstellte, wurden sie wegen ihres hohen Silbergehalts für die Tempelsteuer  (vgl. Matthäus 17,24-27 sowie Mishnah Bekhorot 8) verwendet (vgl. Stowasser 2007, 46; Lewis 2015b; Jacobson 2014, 147; Selvén 2016, 63f). (beide Münzen aus der ABA Sammlung, Fotos: Peter van der Veen)

30 Didrachmen bzw. Tetradrachmen zur Zeit Jesu entsprechen daher 210–213 g bzw. 420–426 g Silber. Die tyrischen Drachmen besaßen einen hohen Reinheitsgrad; die Messgenauigkeit von Gewichten in der Antike war auf 3 Prozent genau (vgl. Kletter 1998, 71; Jacobson 2014, 147). Das Silber in der Eisenzeit und der späten Bronzezeit konnte hingegen deutlich stärker im Silbergehalt abweichen (Shalev et al. 2013, 221–223).

Zusammengefasst entsprachen 17 Schekel Jeremias ca. 190–207 g Silber, Sacharjas 30 Silberschenkel (falls es Siglos waren) ca. 180 g, und 30 Didrachmen von Judas 210–213 g im Gewicht bzw. ungefähr im Silbergehalt. Es könnte also jeweils dieselbe Silbermengen im Laufe der Zeiten und Währungen gemeint sein, diese musste allerdings umgerechnet werden. Dann hätte sich das Zitat in Matthäus 27 sowohl auf Jeremia als auch auf Sacharja bezogen. Spannend ist natürlich die Frage, woher der Autor des Matthäusevangeliums im 1. Jh. n. Chr. Kenntnis hatte, wie man die Währungen jeweils umrechnen konnte – über ein halbes Jahrtausend nach Jeremia und Sacharja. Interessant ist zudem, dass in der frühen christlichen Tradition ausgerechnet der Zöllner Matthäus (bzw. Levi in Lukas 5,27ff) als Autor dieses Evangeliums angesehen wird, was eine passende Berufsgruppe für den versierten Umgang mit Geldwerten darstellt.

Literatur
Crandell A (2023) Currency: Weights and Coins in Tanakh. Ḥakhmei Lev Vol. 4 Nissan 5783, https://www.academia.edu/103192451.
Jacobson DM (2014) Herodian Bronze and Tynan Silver Coinage. Zeitschrift des Deutschen Palästina-Vereins 130:2, 138–154, https://www.jstor.org/stable/43664930.
Kletter R (1998) Economic Keystones. The Weight System of the Kingdom of Judah. Journal for the Study of the Old Testament Supplement Series 276. Sheffield Academic Press.
Kletter R (2009) WEIGHTS AND MEAUSRES. In: New Interpreters Dictionary of the Bible (NIDB) Vol. V: 831–841, https://www.academia.edu/19048148.
Lewis PE (2015a) Paying the Temple Tax. The Australasian COIN & BANKNOTE Magazine (CCCHR) 06/2015, https://cccrh.org/publications/wp-content/uploads/2017/04/paying-the-temple-tax.pdf.
Lewis PE (2015b) Rare Tetradrachms of Tiberius. The Australasian COIN & BANKNOTE Magazine (CCCHR) 09/2015, https://cccrh.org/publications/wp-content/uploads/2017/04/rare-tetradrachms-of-tiberius.pdf.
Rieneker G & Maier F (Hrsg.) (2005) Lexikon zur Bibel. R.Brockhaus, S. 1042.
Selvén S (2016) The Privilege of Taxation: Jewish Identity and the Half-shekel Temple Tax in the Talmud Yerushalmi*. Svensk Exegetisk Årsbok 81, 63–89, https://uu.diva-portal.org/smash/get/diva2:1067961/FULLTEXT01.pdf.
Shalev S, Shechtman D & Shilstein SS (2013) A study of the composition and microstructure of silver hoards from Tel Beth-Shean, Tel Dor, and Tel Miqne, Israel. Archaeol. Anthropol. Sci. 6, 221–225, doi: 10.1007/s12520-013-0149-0.
Stowasser M (2007) Jesu Konfrontation mit dem Tempelbetrieb von Jerusalem – ein Konflikt zwischen Religion und Ökonomie? in: In: Fitzenreiter M (Hg.) Das Heilige und die Ware. Zum Spannungsfeld von Religion und Ökonomie, S. 39–51.

Danksagung
Wir danken Dr. Peter van der Veen, Dr. Reinhard Junker und J. Dams für die Durchsicht.

Anmerkungen


[1] 30 Schekel Silber kommen im mosaischen Gesetz (ca. 15. Jh. v. Chr.) vor: Dies ist der Preis bzw. das Bußgeld für einen von einem stößigen Stier getöteten Sklaven (2. Mose 21,32). Darüber hinaus stehen 30 Schekel in der sumerischen Literatur für eine Form der Geringschätzung, vgl. https://etcsl.orinst.ox.ac.uk/cgi-bin/etcsl.cgi?simplesearchword=thirty+shekel&simplesearch=translation&searchword=&charenc=gcirc&lists=.

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