Argumente gegen Design

Argumente gegen Design

Nach Auffassung vieler Biologen weisen zahlreiche Konstruktionen der Lebewesen Mängel auf, sogenannte „Design-Fehler“. Daraus resultiert ein „Unvollkommenheits-Argument“: Ein allmächtiger Schöpfer würde keine fehlerhaften Konstruktionen erschaffen, daher weisen „Design-Fehler“ auf einen evolutionären Ursprung der Lebewesen hin. Dieses Argument kann jedoch mit mehreren Argumenten wirkungsvoll entkräftet werden.

1.0 Inhalt

In diesem Artikel wird das sog. „Argument der Unvollkommenheit“ vorgestellt, wonach es in der Schöpfung „Design-Fehler“ gebe, die mit der Vorstellung von einer Schöpfung unvereinbar seien. Dieses Argument wird aus theologischer, wissenschaftstheoretischer und biologischer Sicht kritisch hinterfragt.

Biologen vertreten häufig die Auffassung, aus zahlreichen heutigen Konstruktionen der Lebewesen könne auf einen evolutiven Ursprung geschlossen werden. Neben dem Ähnlichkeits-Argument (vgl. „Ähnlichkeiten in der Morphologie und Anatomie“ (https://genesis-net.de/e/1-3-e/5-1/)) werden für diese Auffassung vor allem Beispiele von Unvollkommenheiten der Natur angeführt. Zum einen wird auf Rudimentäre Organe (https://genesis-net.de/e/1-3-e/5-3/) oder auf scheinbar unverständliche Entwicklungsabläufe in der Embryonalentwicklung (s. „Biogenetische Grundgesetz“ (https://genesis-net.de/e/1-3-f/)) verwiesen, zum anderen aber auch auf regelrechte Konstruktionsfehler. Daraus wird ein „Argument aufgrund von Unvollkommenheit“ abgeleitet. Dieses soll im Folgenden beleuchtet werden.

1.1 Darstellung des Arguments

Das Unvollkommenheits-Argument findet sich bereits ausdrücklich bei Charles Darwin. In den 1980er Jahren wurde es besonders durch Stephen J. Goulds „Der Daumen des Panda“ in die Diskussion gebracht und stark popularisiert. Da der seltsame Panda-Daumen sozusagen als Kronzeuge für die Existenz von Unvollkommenheiten in der Schöpfung herangezogen wird, wird in diesem Zusammenhang auch vom „Panda-Prinzip“ gesprochen.

Abb. 107: Der Daumen des Panda. Nach Gould 1989

Der Daumen des Pandabären ist deshalb sonderbar, weil er anatomisch gar kein Daumen ist, sondern aus dem radialen Sesambein der Hand gebildet wird (Abb. 107). Dieser zusätzliche Daumen bildet einen sechsten Finger, mit dessen Hilfe die Pandas sehr geschickt Blätter abstreifen können. Warum aber ist der Daumen nicht so konstruiert wie beim Menschen, weshalb ist diese seltsame Konstruktion eines sechsten Fingers verwirklicht? „Die beste Lösung eines Ingenieurs wird von der Geschichte verhindert. … Der Sesambein-Daumen gewinnt keinen Preis in einem Ingenieurswettbewerb“, schreibt Gould (1989, S. 24). Der ursprüngliche Daumen sei durch die vorlaufende Evolution auf eine andere Rolle verpflichtet, aus der er nicht entlassen werden konnte, so dass ein vergrößerter Handwurzelknochen als Ersatz verwendet werden mußte. Evolutionär konnte nur am Vorhandenen umgebaut werden. Ein Schöpfer dagegen, der neu erschaffen kann, hätte es besser gemacht, als es verwirklicht ist,

Solche scheinbar nur zweitbesten Lösungen und seltsamen Konstruktionen versteht Gould als untrüglichen Hinweis auf eine evolutive Entstehung. Die (mutmaßlich) defekten Konstruktionen sind es, die auf Evolution hinweisen, nicht die perfekten, denn Perfektion lasse sich ebensogut mit einem Schöpfungsglauben vereinbaren. Unvollkommene Konstruktionen dagegen seien mit einem Schöpfungsglauben unvereinbar, denn ein vernünftiger Schöpfer würde dergleichen niemals erschaffen.

Abb. 45: Das klassische Beispiel für Bauplanähnlichkeiten, die gewöhnlich auf gemeinsame Abstammung zurückgeführt werden. Quelle: Nach Objekten aus dem Westfälischen Museum für Naturkunde, Münster.

Diese Argumentation findet sich auch bei zahlreichen anderen Biologen. Beispielsweise meint Kull (1994): „Der Mensch beispielsweise ist keine mechanisch optimale Konstruktion; sein mechanisches System in Bindegewebe und Knorpel hat die Aufrichtung noch nicht bewältigt – die Folgen sind Plattfüße, Hängebauch, Bandscheibenschäden. … Die vorausgegangene Evolution macht es in manchen Fällen unmöglich, das eigentliche Optimum zu erreichen.“ (Diese Beispiele sind freilich fragwürdig, denn die genannten Mängel haben eher mit ungesunder Lebensweise als mit schlechter Konstruktion zu tun.)

Viele Autoren finden es auch seltsam, dass häufig gleiche Baupläne für verschiedene Funktionen verwendet werden. Paradebeispiel sind die Skelette der Gliedmaßen der Wirbeltiere, die trotz gleichem Bauplan für sehr verschiedene Zwecke wie Laufen, Greifen, Graben oder Fliegen verwendet werden (vgl. Abb. 45). Ein Schöpfer hätte, so wird (schon von Darwin) argumentiert, verschiedene Baupläne verwendet. Bei solchen Beispielen wird also nicht damit argumentiert, dass die Konstruktionen Mängel hätten, sondern dass sie irgendwie seltsam seien, wenn sie geschaffen worden wären. Dagegen sei im Rahmen der Evolutionslehre verständlich, dass einmal erworbene Baupläne auch bei Funktionswechsel erhalten blieben (vgl. dazu aber den Artikel „Ähnlichkeiten in der Morphologie und Anatomie“ (https://genesis-net.de/e/1-3-e/5-1/)).

1.2 Die Struktur des Arguments

Das „Unvollkommenheits-Argument“ versteht sich nicht primär als Beleg für Evolution, sondern als Indiz gegen Schöpfung, denn – so wird argumentiert – ein Schöpfer würde keine Unvollkommenheiten oder seltsame Konstruktionen in der Natur erschaffen. Diese Argumentationsstruktur soll im Folgenden analysiert und kritisiert werden.

Theologische Argumentation. Das Argument kann nur im Zusammenhang mit Mutmaßungen über die Handlungsweisen eines Schöpfers formuliert werden: Ein Schöpfer würde keine Unvollkommenheiten erschaffen oder er würde nicht dieselben Baupläne für verschiedene Funktionen verwenden (vgl. Knochengerüst der Gliedmaßen der Landwirbeltiere). Damit wird aber eine Grenzüberschreitung begangen und eine Aussage über Gott getroffen. Dies sollte aber kenntlich gemacht und es sollte angegeben werden, was für ein Schöpfungsverständnis und welches Gottesbild zugrunde gelegt werden. Im Rahmen einer an der Bibel orientierten Schöpfungslehre ist zu bedenken, dass nach biblischen Aussagen die heutige Schöpfung von einer ursprünglichen unterschieden wird. Während die Schöpfung heute als „unter der Knechtschaft der Vergänglichkeit seufzend“ geschildert wird (Römer 8,19ff.), gab es in der ursprünglichen Schöpfung keinen Tod (vgl. „Die biblische Urgeschichte im Neuen Testament“ (https://genesis-net.de/s/0-5/1-2/)). In biblischer Perspektive kann aus der Struktur der heutigen Schöpfung gar nicht unmittelbar auf Gottes ursprüngliches Schöpfungshandeln geschlossen werden. Damit ist dem Argument der Unvollkommenheit im Rahmen einer biblischen Theologie der theologische Boden entzogen.

Weiter ist zu berücksichtigen, dass das Grundtypmodell („Heutige Grundtypen“ (https://genesis-net.de/s/0-3/2-1/)) mikroevolutive Prozesse einschließt. In deren Rahmen kann es auch zu Rückbildungen und auf diese Weise zu „Unvollkommenheiten“ kommen.

Darüber hinaus müsste auch dargelegt werden, wie die Lebensstrukturen besser konstruiert sein müssten, wenn sie von einem „intelligenten Schöpfer“ erschaffen wurden. Darüber wird gewöhnlich keine Rechenschaft abgegeben.

 Wissenschaftstheoretische Aspekte. Die Argumentation mit „Unvollkommenheit“ beruht des weiteren stillschweigend auf einem „Entweder – Oder“: Entweder Schöpfungsglaube oder Evolutionslehre. Doch Kritik an einer bestimmten Ursprungsvorstellung begründet nicht eine andere. Was gegen Schöpfung spricht oder sprechen soll, passt nicht automatisch zur Evolutionstheorie. Dies gilt natürlich auch anders herum.

1.3 Biologische Kritik

Nachweis von Unvollkommenheit. Das „Unvollkommenheits-Argument“ ist auch biologisch problematisch, weil es nur sticht, wenn die Unvollkommenheit auch nachgewiesen wird oder wenigstens plausibel gemacht werden kann. Bei der Präsentation des Arguments anhand des Panda-Daumens stellt Gould (1989, 21) selber fest, dass er über die Geschicklichkeit der Tiere erstaunt sei. Wieso sollte der Panda-Daumen also unvollkommen sein? Das Unvollkommenheits-Argument steht und fällt mit dem Nachweis, dass die betrachtete Struktur besser konstruiert werden könnte. Dieser Nachweis aber gestaltet sich als äußerst schwierig, wenn nicht als unmöglich.

Genauere Untersuchungen der Panda-Tatze haben gezeigt, dass bei ihr viel feinere Greifmechanismen verwirklicht sind, als früher vermutet worden war. Die Pandabären setzen ihre Tatze offenbar sehr gekonnt und zweckmäßig ein. Daher bleibt wenig Raum für den Nachweis einer „Unvollkommenheit“. Das „Panda-Prinzip“ steht ausgerechnet im Falle seines Kronzeugen auf schwachen Füßen.

Vermutlich gibt es zahlreiche Organe, deren Funktionalität – anders als beim Panda-Daumen – nicht vollständig geklärt ist. Aber auch dann gilt, dass es sich allenfalls um mögliche Hinweise auf Unvollkommenheiten in der Natur handeln könnte; das „Unvollkommenheits-Argument“ ist auch dann ein „weiches“ Argument, da es jederzeit durch Erweiterung der Funktionskenntnisse des jeweils in Rede stehenden Organs widerlegt werden kann.

Als Ergebnis kann festgehalten werden: Unvollkommenheiten in der Natur können nicht objektiv festgestellt werden und damit nicht als Belege für Evolution dienen.

 Der Teil und das Ganze. Die Organe der Lebewesen sind in der Regel polyfunktional [= viele Funktionen ausübend]. Sie müssen gleichzeitig verschiedene Zwecke erfüllen. Das bedeutet notwendigerweise, dass nicht jede einzelne Struktur für jeden Zweck, den sie erfüllt, optimal sein kann. Kompromisse sind unvermeidlich. Ein Urteil über die Vollkommenheit eines Organs kann sinnvollerweise nur gefällt werden, wenn der Organismus als Ganzes im Blick ist. Dabei muss auch seine Ontogenese [= individuelle Entwicklung von der Befruchtung bis zum Tod] berücksichtigt werden. Die isolierte Betrachtung einzelner Organe ist verfehlt, erst recht, wenn diese im Hinblick auf nur eine von evtl. mehreren Funktionen bewertet werden.

Grundtypen und Mikroevolution. Wenn mutmaßliche Unvollkommenheiten durch mikroevolutive Prozesse im Grundtyprahmen erklärbar sind (vgl. „Mikro- und Makroevolution“ (https://genesis-net.de/e/1-3-a/1-3/) und „Heutige Grundtypen“ (https://genesis-net.de/s/0-3/2-1/)), sind sie auch im schöpfungstheoretisch interpretierten Grundtypmodell erklärbar und können in diesem Rahmen durchaus auch erwartet werden. Es kann sich um Degenerationen handeln oder auch um Kompromisse zwischen verschiedenen Funktionen (s.o.).

1.4 Zusammenfassung

Das „Unvollkommenheits-Argument“ kann in Frage gestellt werden.

Erstens handelt es sich im Kern um ein theologisches und nicht um ein naturwissenschaftliches Argument, da es nur auf der Basis bestimmter Gottesvorstellungen formuliert werden kann.

Zweitens stellen Argumente gegen Schöpfung nicht notwendigerweise Argumente für Evolution dar.

Und drittens sind Unvollkommenheiten kaum nachweisbar, sondern evolutionstheoretisch begründete Vermutungen, deren Plausibilität mit der evolutionstheoretischen Voraussetzung steht oder fällt. Einzelne Organe dürfen zudem nicht (nur) isoliert betrachtet, sondern müssen im Organismus-Ganzen bewertet werden, wenn eine Einschätzung über mögliche Unvollkommenheiten erfolgen soll. Und schließlich muss geprüft werden, ob die zur Diskussion stehenden Beispiele sich im mikroevolutiven Rahmen innerhalb von Grundtypgrenzen bewegen.

1.5 Literatur

Gould SJ (1989) Der Daumen des Panda. Frankfurt.

Kull U (1994) Turgeszenz, Hydraulik, Information und das Maschinenkonzept in der Biologie. In: Maier W & Zoglauer T (Hg) Technomorphe Organismuskonzepte. Bad-Cannstatt, S. 199-211.

Aktualisiert am 07.01.2024 (B. Scholl); © beim Autor: Reinhard Junker, 29.03.2004

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