Mosaikform vs. Übergangsform
Definition von Mosaikform und Übergangsform
Wenn es eine Makroevolution gegeben hat, muss es in der Vergangenheit zahlreiche Übergangsformen gegeben haben. Um über solche Formen diskutieren zu können, muss geklärt werden, was genau darunter verstanden wird. Hier ist das Begriffspaar Mosaikform – Übergangsform besonders wichtig.
1.0 Inhalt
Im Folgenden werden die Begriffe Mosaikform und Übergangsform definiert und es wird erläutert, weshalb eine Unterscheidung zwischen diesen beiden Begriffen notwendig ist.
1.1 Gegensätzliche Behauptungen
Unter der Voraussetzung einer allgemeinen Evolution der Lebewesen muss es in der Vergangenheit sehr viele Lebensformen gegeben haben, welche die verschiedenen Baupläne der Lebewesen überbrücken. Die Auffassungen darüber, ob solche Formen gefunden wurden, gehen weit auseinander. Manche behaupten, es gäbe Hunderte von evolutionären Bindegliedern, andere sind der Auffassung, es sei kein einziges gefunden worden. Diese unterschiedlichen Einschätzungen sind mindestens zum Teil dadurch zu erklären, dass keine übereinstimmenden Vorstellungen darüber bestehen, wie ein Lebewesen gestaltet sein muss, damit es als Bindeglied interpretiert werden kann. Oft wird dieser Begriff gar nicht genauer definiert. Eine solche Definition ist aber auch nicht einfach. Im Folgenden werden dazu Vorschläge gemacht.
Um die Diskussion möglichst sachlich führen zu können, sollen beschreibende und interpretierende Begriffe so gut es geht unterschieden werden.
1.2 „Mosaikform“ als beschreibender Begriff
„Mosaikform“ bedeutet: Ein Lebewesen besitzt eine Kombination von Merkmalen, die sonst in der Regel zu verschiedenen Gruppen von Lebewesen gehören. Ein treffendes Beispiel ist der bekannte „Urvogel“ Archaeopteryx (Abb. 17): Er besitzt Reptilmerkmale wie eine lange Schwanzwirbelsäule oder einen bezahnten Kiefer (heutige Vögel haben das nicht) sowie Vogelmerkmale wie der Besitz von Federn. Es handelt sich also um ein Merkmalsmosaik; daher die Bezeichnung Mosaikform. Man kann auch von einer „Zwischenform“ sprechen, weil die betreffende Art in ihrer Merkmalszusammensetzung irgendwo zwischen zwei anderen Formen oder Formengruppen steht (nicht unbedingt genau dazwischen).

Abb. 17: Der sog. „Urvogel“ Archaeopteryx besitzt Merkmale, die Vögel typisch sind (z. B. Federn), aber auch Merkmale, die für viele Reptilien typisch, für Vögel jedoch untypisch sind (z. B. lange Schwanzwirbelsäule).
Ein noch eindrucksvolleres Mosaik weist das heute lebende Schnabeltier (Abb. 18) auf: Es hat Reptilmerkmale (gemeinsamer Ausgang von Enddarm und Geschlechtsapparat; legt Eier), Säugermerkmale (typische Säugerhaare, Milchdrüsen), einen entenähnlichen Hornschnabel sowie spezielle Merkmale wie Schwimmhäute und einen Ruderschwanz. (Wegen des Besitzes der Haare und der Milchdrüsen wird es im weiten Sinne zu den Säugetieren gestellt, dort in die Untergruppe der sog. Kloakentiere.)

Abb. 18: Das Schnabeltier
Beide Begriffe, Mosaikform und Zwischenform, sollen hier rein beschreibend verstanden werden. Sie sagen nichts über reale Abstammungszusammenhänge aus. Ob eine Zwischenform als evolutionäres Bindeglied, also als Zwischenstation auf einem evolutionären Übergang, verstanden werden kann, bedarf einer eigenen Begründung. Eine mosaikartige Verteilung von Merkmalen in einer Zwischenform kann unter bestimmten Umständen zunächst lediglich als eventuelles Indiz für eine evolutionäre Übergangsstellung gewertet werden.
Mosaikformen gibt es in Hülle und Fülle – sowohl unter Fossilien als auch unter den heute existenten Lebewesen (vgl. Frage zu Mosaikformen).
1.3 „Übergangsform“ als interpretierender Begriff
„Übergangsform“ oder „Bindeglied“ bedeutet: eine Form befindet sich auf dem Abstammungsweg von einem Grundtyp (oder weiter gefasst: von einem Bauplantyp) zu einem anderen. Konkret: Wird Archaeopteryx als Übergangsform interpretiert, so heißt dies, dass seine Vorfahren zu einer Reptiliengruppe gehörten, und seine Nachfahren zu den „modernen“ Vögeln.
Dass eine Art eine Mosaikform ist, kann unmittelbar durch Zusammenstellung der Merkmale ermittelt werden; das ist also Ergebnis direkter Beobachtungen. Ob eine Art dagegen eine Übergangsform darstellt, ist kein Ergebnis einer Beobachtung, sondern Deutung im Rahmen einer Abstammungstheorie.
Wie Mosaikformen im Rahmen der Schöpfungslehre gedeutet werden können, wird im Kapitel Grundtypen als Mosaikformen gezeigt.
1.4 Wann ist eine Deutung als Übergangsform möglich?
Dass Mosaikformen nicht unbesehen als evolutionäre Übergangsformen deutbar sind, kann besonders gut am Beispiel des Schnabeltiers (Abb. 18) deutlich gemacht werden. Zwischen welchen beiden Tiergruppen sollte es evolutionär vermitteln? Wollte man annehmen, es befände sich auf dem Weg von einer Reptilgruppe zu einem Plazentalier (= Säugetier mit Plazenta), würden der Hornschnabel und andere spezialisierte Organe wie der Ruderschwanz dazu nicht passen. Das Schnabeltier wird daher evolutionstheoretisch auch gar nicht in den Übergangsbereich zwischen Reptilien und plazentalen Säugetieren gestellt, sondern auf einen Seitenast. Wir können also schließen, dass eine Übergangsform in einem evolutionären Stammbaum in den Bereich passen muss, der zwischen den beiden zu verbindenden Gruppen liegt. Beim Schnabeltier ist dies offenkundig nicht der Fall; das wird auch von Evolutionstheoretikern so gesehen. Dagegen kann Archaeopteryx eher als Übergangsform interpretiert werden, obwohl auch hier einige Merkmale nicht passen (s. https://genesis-net.de/x/1-7/2-4/).
Es kann noch ein weiteres Kriterium zur Frage herangezogen werden, ob eine Mosaikform als Übergangsform gedeutet werden kann. Evolutionstheoretisch ist nämlich zu erwarten, dass komplexe Organe nur schrittweise entstehen. Hier sollten also Übergänge bei komplexen Einzelmerkmalen zu finden sein. Beispielsweise sollte es Vorformen und Übergangsformen von Vogelfedern geben. Federn werden gewöhnlich von Reptilschuppen abgeleitet; der Unterschied zwischen beiden Strukturen ist enorm. Die Federn von Archaeopteryx gleichen Federn heutiger Vögel – soweit dies an den fossilen Abdrücken erkennbar ist. Hier ist dieses zweite Kriterium also nicht erfüllt. Manche Dinosaurier haben federartige Strukturen, die schon eher als Kandidaten für Übergänge in Einzelmerkmalen in Frage kommen. Diese Funde werden an anderer Stelle behandelt; hier geht es erst mal um die grundsätzlichen Aspekte.
Wir können tabellarisch wie folgt zusammenfassen:
Mosaikform | Übergangsform |
Zwischenform | Bindeglied |
beschreibend | interpretierend |
vereinigt Merkmale verschiedener Gruppen | passt widerspruchsfrei in einen Stammbaum; hat Übergänge in Einzelmerkmalen |
Die Problematik wird in Abb. 20 graphisch dargestellt.

Abb. 20: Auch Mosaikformen (M) können in ein Baumschema eingefügt werden, erfordern in vielen Fällen aber die Annahme der mehrfachen Entstehung baugleicher Merkmale (Konvergenz, wie Abb. 5 verdeutlicht).

Abb. 5: Stratigraphischer Überblick über frühe Tetrapoden und ihre mutmaßlichen Fischvorläufer. Dicke Linien = Bereiche der Fossilüberlieferung. Nach Clack 2002.
Warum fehlen Übergangsformen? Häufig wird das Fehlen evolutionär passender Übergangsformen damit begründet, dass evolutionäre Übergänge relativ rasch, in kleinen Populationen und in einem geographisch sehr kleinen Gebiet vor sich gegangen seien. Daher seien sie fossil kaum dokumentierbar gewesen. Dies ist die Deutungsstrategie des sog. „Punktualismus“. Die Plausibilität dieser Argumentation wird an anderer Stelle näher besprochen.
1.5 Übergangsformen und phylogenetische Systematik
Im System der modernen Phylogenetik (Stammbaumrekonstruktion) haben die hier vorgestellten Begriffe Mosaikform und Übergangsform keine Bedeutung (Cladistik). Dies ist nicht weiter verwunderlich, denn die Phylogenetik setzt bereits voraus, dass es eine allgemeine Evolution der Lebewesen gegeben hat. Sie baut auf dieser Voraussetzung ihre Vorgehensweise in der Rekonstruktion stammesgeschichtlicher Zusammenhänge auf.
Selbstverständlich können auch Mosaikformen, die als Übergangsformen ungeeignet sind, in eine Stammbaumrekonstruktion eingebaut werden. Dies äußert sich dann im Auftreten von Konvergenzen (s. Artikel „Ähnlichkeiten in der Morphologie und Anatomie“ (https://genesis-net.de/e/1-3-e/5-1/)). Beispielsweise kann die Form „M“ in Abb. 19 natürlich in ein Verzweigungsschema eingebaut werden (Abb. 20). Das ändert aber nichts an der Tatsache, dass „M“ nicht als Übergangsform zwischen „A“ und „B“ interpretiert werden kann. Zudem muss man in einem solchen Fall annehmen, dass bestimmte (durchaus komplexe) Merkmale mindestens zweimal unabhängig in verschiedenen Evolutionslinien entstanden sind (Abb. 21). Dies ist evolutionstheoretisch aber problematisch, besonders, wenn solche Fälle gehäuft auftreten. Dieses Thema wird in Kapitel „Morphologie/Anatomie behandelt.

Abb. 19: Einfaches Baumdiagramm zur Verdeutlichung des Unterschiedes zwischen Mosaikform (M) und Übergangsform (Ü).

Abb. 21: Bei der vorgegeben Merkmalsverteilung von A, M und B muss angenommen werden, dass Merkmal c zweimal unabhängig entstanden ist (Konvergenz). Ü wäre als Übergangsform geeignet.
Anmerkung zu Abb. 21: Nach der Vorgehensweise der Cladistik würde die Art „Ü“ nicht auf den Ast, sondern an das Ende eines eigenen, zusätzlichen Astes gesetzt werden. Hier geht es aber nicht um die Cladistik, sondern um die Verdeutlichung der Begriffe Mosaikform und Übergangsform. Eine Alternative zur zweifach unabhängigen Entstehung eines Merkmals wäre dessen Verlust, ausgehend von einer Stammform, die dieses Merkmal bereits besaß.
Autor: Studiengemeinschaft Wort und Wissen, 01.01.2004
Aktualisiert am 07.01.2024 (B. Scholl); © beim Autor; alter Link: 2004, https://www.genesisnet.info/schoepfung_evolution/i42841.php