Der kurze Zeitrahmen der Urgeschichte: Nur einige Jahrtausende
Der biblischen Urgeschichte kann ein ungefährer Zeitrahmen von einigen tausend Jahren für die Menschheitsgeschichte ab Adam entnommen werden. Dies ergibt sich aus den Abstammungsregistern, die zwar lückenhaft sein könnten, aber zeitlich nicht zu stark gedehnt werden können, ohne dass sie ihren Sinn verlieren.
1.0 Inhalt
In diesem Artikel wird erklärt, wie aus den Abstammungsregistern eine Größenordnung von einigen tausend Jahren für das Menschheitsalter abgeleitet werden kann. Weiter wird gezeigt, dass aus dem Anfang des Schöpfungsberichts kein Spielraum für ein zeitlich ausgedehntes Ereignis vor dem Sechstagewerk herausgelesen werden kann.
Bei diesem Text handelt es sich um eine biblische Exegese [= Auslegung], während naturwissenschaftliche Aspekte nicht hier behandelt werden.
1.1 Einleitung
Ein auffälliges Merkmal der biblischen Urgeschichte ist der kurze Zeithorizont, den die Ereignisse zwischen Schöpfung (1. Mose 1) und Völkerzerstreuung (1. Mose 11) umspannen.
1.2 Die Schöpfung in sechs Tagen (1. Mose 1)
Gleich das erste Kapitel der Bibel (1. Mose 1) konfrontiert den Leser mit dem Kurzzeithorizont. Denn hier sind die Schöpfungswerke in den Zeitrahmen von nur 6 Tagen gestellt. Der Textzusammenhang weist durch folgende Merkmale auf natürliche Tage hin:
- Die Schöpfungstage werden der Reihe nach gezählt (… ein zweiter … dritter usw. Tag).
- Die Tage werden jeweils durch Abend und Morgen begrenzt (Und es wurde Abend, und es wurde Morgen, ein zweiter … dritter usw. Tag); im Alten Testament ist sonst in solchen Fällen ein normaler Tag gemeint. In den ersten Tagen war das (die) Licht(quelle) noch nicht die Sonne (1. Mose 1,3-5).
- In den Zehn Geboten wird die Arbeitswoche von 6 Tagen mit dem Sabbat aus der Schöpfungswoche von 6 Tagen und dem Ruhetag Gottes begründet bzw. abgeleitet (2. Mose 20,11; vgl. 31,17).
Aus diesen Gründen vertreten auch historisch-kritische Alttestamentler zumeist, dass mit den Schöpfungstagen natürliche Tage gemeint sind. Es müsste also aus dem Text belegt werden, dass es sich bei den Schöpfungstagen nicht um natürliche Tage handelt; dies scheint aber nicht möglich zu sein.
1.3 Die Abstammungsregister (1. Mose 5 und 11)
Durch zwei detaillierte Abstammungsregister wird die Urgeschichte zeitlich gegliedert. Das erste Abstammungsregister reicht vom ersten Menschen (Adam) bis Noah und seinen Söhnen zur Zeit der Sintflut (1. Mose 5). Das zweite beginnt mit Sem, dem Sohn Noahs, und endet mit Abraham, dem Stammvater Israels (1. Mose 11,10-26). Auch das 1. Chronikbuch (Kap. 1) und das Lukasevangelium (Kap. 3,23-38) enthalten Abstammungsregister, die bis zum ersten Menschen (Adam) zurückgehen.
Es geht im Gesamtzusammenhang der Urgeschichte unter anderem darum, mit den Abstammungsregistern den Zusammenhang zwischen Schöpfung und folgender Menschheitsgeschichte sicherzustellen.
In den Abstammungsregistern ist die Lebensdauer der Patriarchen angegeben, dazu ihr Alter zur Zeit der Geburt des ersten Sohnes. Daraus lässt sich die Gesamtzeit von Adam bis Abraham berechnen. Doch gibt es dabei zwei Hauptschwierigkeiten. Einmal, dass die Zahlen der Abstammungsregister der drei überlieferten Textformen (masoretischer Text, samaritanischer Text, Septuaginta) unterschiedlich sind (Abb. 104, Näheres hier: https://genesis-net.de/s/0-2/1-2e/).

Abb. 104: Abweichende Zahlenangaben in den drei Textformen des Alten Testaments.
In welcher Textform die Jahreszahlen zuverlässig überliefert sind, ist unter den Alttestamentlern strittig; für alle Textformen sind Argumente genannt worden. Es kann nicht sicher geklärt werden, welche Textform die ursprünglich(st)en Zahlenangaben hat. Allerdings scheinen die masoretischen Jahreszahlen die meisten Verfechter zu finden.
1.5 Abstammungsregister: Mit oder ohne Lücken?
Zum anderen stellt sich die Frage, ob die Abstammungsregister in 1. Mose 5 und 11 lückenlos sind oder ob Patriarchen ausgelassen wurden. Ein wichtiger indirekter Hinweis für Auslassungen ist die Ähnlichkeit der beiden Abstammungsregister in 1. Mose 5 und 11. In der Septuaginta ist die Ähnlichkeit besonders groß. Hier sind es in beiden Abstammungsregistern 10 Patriarchen; die letzten haben jeweils 3 Söhne. Das lässt vermuten, dass die Zahl der Patriarchen reduziert und aneinander angeglichen wurde (siehe unten zu Matthäus 1!). Die große Ähnlichkeit im Aufbau der Abstammungsregister ist auch im masoretischen und samaritanischen Text nicht zu verkennen.
Zahlreiche konservative Alttestamentler führen innerbiblische Gründe dafür an, dass die Abstammungsregister wahrscheinlich lückenhaft und nicht als strenge Chronologie zu verstehen sind. Es ist jedoch nicht statthaft, wegen des Fehlens von Patriarchen die Abstammungsregister von Genesis 5 und 11 unbegrenzt zu dehnen, ohne sie ihres Sinnes zu berauben. Daher können kaum mehr als 5.000 Jahre für die Zeit zwischen der Sintflut und der Zeit Abrahams veranschlagt werden.
Der Stammbaum Jesu in Matthäus 1. Ein wichtiger Anhaltspunkt für die Frage nach Lücken in den Stammbäumen ist der Stammbaum Jesu in Matthäus 1,1-17. In V.8 heißt es: “Joram aber zeugte Usia”. Zwischen Joram und Usia fehlen drei Glieder, Ahasja, Joasch und Amazja, dazu kommt Jojakim. Dennoch wird in Matthäus 1,17 so deutlich wie irgend möglich zum Ausdruck gebracht: Es sind 14 Generationen von Abraham bis David, 14 von David bis zur Verschleppung nach Babylon und 14 von der Verschleppung nach Babylon bis Christus – obgleich mehrere Glieder ausgelassen wurden! Das zeigt zweifelsfrei der Vergleich mit der Genealogie in 1. Chronik 3,11f. Matthäus 1,17 spricht ausdrücklich von 3 mal 14 Generationen. Daraus müsste der unbefangene Leser auf Vollständigkeit der Genealogie schließen – und doch ist das nicht der Fall. Wir haben es in Matthäus 1 offensichtlich mit einer sowohl historischen als auch theologischen Darstellungsweise zu tun, die als solche unserer Kultur fremd ist.
1.6 Eine Lücke am Anfang des Schöpfungsberichts (1. Mose 1,2)?
Besteht gleich zwischen den ersten beiden Versen der Bibel (1. Mose 1,1+2) eine (große) zeitliche Lücke? (Lückentheorie) Es ist immer wieder vermutet worden: Während dieser Zeit wurde durch den Fall der Engelwelt der Zustand der “Wüste und Leere” (hebräisch: Tohuwabohu) bewirkt. Ferner: Können sich in dieser (langgedachten) Zeitspanne nicht die geologischen Schichten mit den Fossilien gebildet haben?
Jedoch: Diese Auslegung ist aus mehreren Gründen nicht möglich:
- Bereits von der Textgestalt des Schöpfungsberichts her ist diese Auslegung fragwürdig. Denn damit wird eine ganze Lehre zwischen zwei Verse platziert, ohne dass diese Lehre im Text von 1. Mose 1 auch nur angedeutet wird.
- Aus sprachlichen Gründen kann in 1. Mose 1,2 nur übersetzt werden: “Die Erde war Wüste und Leere”, nicht: “Die Erde wurde Wüste und Leere”. Hier werden Zustände, keine Ereignisse geschildert.
- Der Zustand des “Wüsten und Leeren” war nur ein (kurzes) Durchgangsstadium, in dem das Geschaffene zunächst noch “ungeordnet, ungeformt und ungefüllt” war. Es befand sich zu diesem Zeitpunkt noch in einer Art Rohzustand. Erst während des weitergehenden Sechstagewerks wurde die Erde nach und nach wohlgeordnet und bewohnbar gemacht.
- In den 10 Geboten wird bei der Begründung des Sabbatgebots gesagt: Gott hat Himmel und Erde und alles, was darin ist, in sechs Tagen geschaffen (2. Mose 20,11) – nicht (nach dem Fall der Engel) wiederhergestellt.
- Die unterschiedlichen Fossilien sind in den übereinander liegenden geologischen Schichten in einer geordneten Abfolge zu finden. Die Lückentheorie gibt keine Hilfe, diese Regelhaftigkeit der Fossilüberlieferung zu verstehen.
Im Artikel über „Die Bindung der Erdgeschichte an den Sündenfall des Menschen“ (https://genesis-net.de/s/0-2/1-3/) geht es um Folgerungen für den zeitlichen Umfang der Erdgeschichte aus biblischer Sicht.
Aktualisiert am 07.01.2024 (B. Scholl); © beim Autor: Manfred Stephan, 27.12.2007