24.07.2026: SpudCell: Haben Forscher wirklich eine lebende Zelle aus dem Nichts erschaffen?

24.07.2026: SpudCell: Haben Forscher wirklich eine lebende Zelle aus dem Nichts erschaffen?

Peter Borger

„Forscher kommen der Frankenstein’schen Vision näher“, titelte die Welt. „Haben Forschende erstmals künstliches Leben geschaffen?“, fragte der Tagesspiegel. Solche oder ähnliche Schlagzeilen begleiteten Anfang Juli 2026 Berichte über die neueste Entwicklung um „SpudCell“. Sie erwecken den Eindruck, Forscher hätten im Labor den entscheidenden Schritt von unbelebter Materie zu Leben vollzogen. Die Vorstellung ist faszinierend: Aus einfachen chemischen Bausteinen entsteht durch menschliche Hand eine lebende Zelle. Doch ein genauer Blick auf das Experiment zeigt ein deutlich anderes Bild.

Die Geschichte wiederholt sich

Die Geschichte um die SpudCell[1] hört sich erstaunlich vertraut an. Es ist nicht das erste Mal, dass die Öffentlichkeit mit der Nachricht konfrontiert wird, Wissenschaftler hätten einen entscheidenden Durchbruch auf dem Weg zur künstlichen Herstellung von Leben erzielt. Eine ähnliche Welle der Begeisterung ging bereits im Jahr 2010 durch die Medien. Damals präsentierte das Team um den amerikanischen Molekularbiologen J. Craig Venter eine sogenannte „synthetische Zelle“ (Gibson 2010). Die Meldung wurde weltweit aufgegriffen und vielfach als historischer Meilenstein gefeiert. Für viele klang die Botschaft eindeutig: Der Mensch habe begonnen, Leben selbst zu konstruieren.

Die tatsächliche wissenschaftliche Leistung von 2010 war ohne Zweifel bemerkenswert. Venters Team hatte ein vollständiges bakterielles Genom synthetisiert und in eine bereits vorhandene Bakterienzelle eingesetzt. Anschließend wurde die Zelle durch das künstliche Genom gesteuert (Gibson et al. 2010). Für den Zusammenbau der Einzelteile des Genoms wurden allerdings lebende Kulturen von E. coli und modifizierte Hefezellen eingesetzt (Binder 2010). Es war ein Meilenstein der Molekularbiologie. Aber auch damals wurde keine Zelle aus unbelebter Materie aufgebaut. Die Forscher verwendeten eine bereits existierende lebende Zelle als Grundlage. Die komplexe zelluläre Maschinerie – die Membran, die Ribosomen, die Stoffwechselwege und zahlreiche andere molekulare Systeme – war bereits vorhanden. Wieder einmal scheint sich die Geschichte zu wiederholen.

Nun, mehr als ein Jahrzehnt später, begegnen uns wieder Schlagzeilen über einen Durchbruch in der synthetischen Biologie. Erneut wird der Eindruck erweckt, Menschen sei es gelungen, eine lebende Zelle aus unbelebter Materie zu erzeugen. Doch auch diesmal lohnt sich ein genauer Blick hinter die Schlagzeilen. Was wurde bei SpudCell tatsächlich gebaut? Welche Bestandteile wurden neu hergestellt – und welche wurden aus der bereits vorhandenen biologischen Welt übernommen?

Eine große technische Leistung

Die bisher veröffentlichte Arbeit liegt als Vorabveröffentlichung (Preprint) vor und wurde noch nicht durch ein wissenschaftliches Begutachtungsverfahren (Peer Review) abgeschlossen (Gaut et al. 2026). Fischer (2026) kommentiert auf Spektrum zu dieser Veröffentlichung ohne Peer Review (bzw. nach einem gescheiterten Peer Review Verfahren): „Die Fachwelt zeigt sich vor allem irritiert und verärgert, weil der Veröffentlichungsprozess mit gängigen Regeln bricht“.

Was die Forscher geleistet haben, ist zweifellos eine bemerkenswerte technische Errungenschaft – ähnlich wie die bereits erwähnte Arbeit von Venters Team. Sie konstruierten ein künstliches, zellähnliches System, indem sie zahlreiche bereits vorhandene biologische Komponenten in einer künstlichen Umgebung zusammenführten: eine Zellmembran, Ribosomen, Enzyme, Transportmoleküle, Energieträger wie ATP und synthetisch hergestellte DNA-Sequenzen mit ausgewählten genetischen Informationen. Unter kontrollierten Laborbedingungen zeigte dieses System einige Eigenschaften, die man mit lebenden Zellen verbindet: Es konnte genetische Information nutzen, Proteine herstellen, wachsen und sich mehrfach teilen. Allerdings erreichte SpudCell (Abb. 1) keine vollständig autonome, langfristig stabile Fortpflanzung wie eine natürliche Zelle. Die Vermehrung war nur über wenige Generationen möglich und blieb von einer künstlichen Umgebung und bereitgestellten biologischen Komponenten abhängig.

Abb. 1  Schema von SpudCell basierend auf Gaut et al. (2026, Fig. 1). Bei der Verdopplung werden noch sogenannte Feeder-Liposomen eingesetzt, sodass ständig neue Membran von außen zugeführt wird. Neben den sieben Plasmiden sind noch zwei weitere DNA-Moleküle mit Hilfsfunktion enthalten. Der Teilungsprozess erfolgt nicht über ein zelleigenes Cytoskelett wie bei echten Zellen, sondern wird lediglich durch Anreicherung mit Proteinen zur Membraneinschnürung erreicht (Fischer 2026). Mehrere sogenannte Zellgenerationen waren auch erst beobachtbar, nachdem SpudCell durch eine Membran mit Poren gepresst worden war (ebd.). (B. Scholl nach ebd. Sowie Transkription nach NIH, Gemeinfrei und Translation nach Christinelmiller, CC BY-SA 4.0; je Wikimedia)

Genau hier liegt der wesentliche Unterschied: Die Forscher begannen nicht mit einfachen chemischen Bausteinen, um daraus eine Zelle zu bauen. Sie setzten bereits vorhandene hochkomplexe biologische Bauteile zusammen. Die Membran bildete lediglich die Hülle des Systems; erst die darin enthaltenen molekularen Maschinen ermöglichten seine Funktion. Die verwendeten Ribosomen, Enzyme und weiteren Komponenten waren bereits vollständig vorhandene biologische Funktionseinheiten. Ebenso beruhte die eingesetzte DNA auf vorhandener genetischer Information, die allerdings technisch hergestellt und neu zusammengestellt wurde. Nachdem diese komplexe Ausstattung vorhanden war, zeigte das System zellähnliche Eigenschaften. Die entscheidende Frage lautet daher: Haben die Forscher tatsächlich eine Zelle von der Pike auf („Bottom-Up“) aus einfachen molekularen Bausteinen hergestellt – oder haben sie ein System aus bereits vorhandenen biologischen Komponenten nachgebaut?

Kein Leben ohne Information

Die SpudCell enthält ein synthetisch hergestelltes Genom mit 36 Genen von 90.000 Basenpaaren Länge, das nicht als ein einzelnes Chromosom vorliegt, sondern auf mehrere künstliche DNA-Moleküle (Plasmide) verteilt ist (Gaut et al. 2026; Fischer 2026). Diese DNA-Sequenzen wurden von den Forschern gezielt im Labor hergestellt. Die darin enthaltenen genetischen Informationen entstanden jedoch nicht aus dem Nichts. Sie beruhen auf bereits bekannten biologischen Sequenzen und molekularen Systemen, die bei lebenden Organismen vorgefunden und gezielt „nachgebaut“ wurden.

Es besteht ein grundlegender Unterschied zwischen dem Herstellen eines Datenträgers und dem Erzeugen der darauf gespeicherten Information. Wenn jemand ein Buch abschreibt, digital kopiert und neu druckt, entsteht ein neues physisches Exemplar. Papier und Druckfarbe sind neu. Aber der Inhalt des Buches wurde nicht durch den Kopiervorgang erschaffen. Ähnlich verhält es sich mit synthetischer DNA. Die DNA-Moleküle sind chemisch neu hergestellt, doch die biologische Information darin wurde nicht aus dem Nichts erzeugt. Sie wurde aus dem Erbgut bereits existierender Lebewesen ausgewählt, verändert und neu angeordnet.

Noch deutlicher wird dies beim Blick auf die molekularen Maschinen innerhalb des Systems. Das Ribosom beispielsweise ist eine hochkomplexe biologische Fabrik im Inneren jeder lebenden Zelle. Ein Ribosom besteht aus vielen verschiedenen Proteinen und RNA-Molekülen, die präzise miteinander interagieren und zusammenarbeiten. Seine Aufgabe besteht darin, genetische Informationen des Erbguts (in Form von mRNA) zu lesen und daraus neue Proteine aufzubauen (Abb. 1). Die Forscher können Ribosomen isolieren, untersuchen und in künstliche Systeme einbauen. Dennoch mussten die Wissenschaftler die Ribosomen als bereits funktionierende Maschinen verwenden. Sie wurden nicht während des Experiments aus einfachen chemischen Bestandteilen neu konstruiert. Dasselbe gilt für die zahlreichen Enzyme, die an den Prozessen beteiligt sind. Jedes dieser Moleküle erfüllt eine hochspezifische Aufgabe. Die Forscher konnten die Enzyme als Protein-Werkzeuge verwenden, weil sie bereits funktionsfähige biologische Maschinen waren. Die Bauanleitungen für diese Proteine waren in der verwendeten DNA bereits vorhanden – sie wurden nicht während des Experiments neu entwickelt oder erschaffen.

Ein Schritt weiter als Venter, um Leben zu synthetisieren?

Im Jahr 2010 zeigte das Team um J. Craig Venter, dass ein chemisch synthetisiertes Genom eine bereits vorhandene Zelle steuern kann (Gibson 2010). Im Jahr 2016 reduzierten die Forscher dieses Genom auf eine minimale Version und identifizierten damit einen minimalen Satz von Genen (492 Gene in einem 531.000 Basenpaare langen Erbgut), der unter den gewählten Laborbedingungen für das Wachstum und die Vermehrung dieses Organismus erforderlich ist (Hutchison 2016; Borger 2021). SpudCell stellt technisch einen weiteren Schritt dar. Anstatt ein künstlich hergestelltes Genom in eine bereits existierende Zelle einzusetzen, werden für SpudCell verschiedene biologische Komponenten – darunter Membranen, Proteine, Enzyme und die genetische Information – in einer künstlichen Umgebung zusammengeführt, um ein System zu erzeugen, das bestimmte Eigenschaften einer lebenden Zelle zeigt. Dies ist zweifellos eine beeindruckende Weiterentwicklung der synthetischen Biologie. Doch die grundlegende Abhängigkeit bleibt bestehen: Die Forscher arbeiten weiterhin mit biologischen Systemen, deren vollständige Funktionsweise sie noch immer nicht verstehen und deren wesentliche Komponenten ihnen bereits zur Verfügung stehen. Gerade darin liegt vielleicht die eigentliche Erkenntnis dieses Experiments.

Fischer (2026) kommentiert den Artikel in einem aktuellen Spektrum-Artikel so: „Von einem künstlichen Organismus ist SpudCell allerdings noch weit entfernt. Dem System fehlt ein eigener Stoffwechsel, und es kann sein inneres Milieu nicht aktiv regulieren. Die Zellen sind weder in der Lage, beschädigte Moleküle gezielt zu reparieren oder auszutauschen, noch unerwünschte Bestandteile kontrolliert abzubauen. Hinzu kommt ein grundlegendes Problem der Vererbung: Bei der Zellteilung bleibt weitgehend dem Zufall überlassen, ob sämtliche sieben DNA-Ringe in die Tochterzellen gelangen [, weil ihnen das Cytoskelett fehlt, um alle Zellbestandteile gezielt auf die Tochterzellen aufzuteilen]. […] Die in solchen Experimenten entstehenden Zellen sind also molekulare Maschinen, in denen mehrere komplexe Systeme miteinander interagieren. Die Fähigkeit jedoch, sich selbst zu organisieren, zu erhalten und flexibel an die Umwelt anzupassen, besitzt SpudCell bislang nicht.“ Weiter schreibt Fischer: „Die größte Hürde ist, dass Forschende bis heute viele grundlegende Vorgänge in lebenden Zellen nicht vollständig verstehen. Welche Bestandteile sind unverzichtbar? Welche Funktionen können vereinfacht werden? Und welche Wechselwirkungen machen eine Zelle überhaupt erst lebensfähig? Erst wenn diese Fragen beantwortet sind, lassen sich biologische Systeme nachbauen.“

Der Intelligent-Design-Vertreter Luskin (2026) wiederum kritisiert, dass SpudCell keine eigenen Ribosomen erzeugen kann; also müssen diese ständig von außen neu hinzugefügt werden. Weiter schreibt er: „Könnte SpudCell Ribosomen herstellen oder Nährstoffe ordnungsgemäß verstoffwechseln, bräuchte es ein viel größeres und komplexeres Genom. Es kommt nur deshalb mit einem kleinen Genom davon, weil es die für das Leben notwendigen Grundfunktionen nicht ausführen kann. […] Aus diesen und weiteren Gründen räumt sogar die Times ein: ‚Die meisten Synthetischen Biologen sind sich einig, dass noch keine künstliche Zelle die Schwelle zwischen lebensähnlich und lebendig überschritten hat – und die Schöpfer von SpudCell behaupten nicht, Leben geschaffen zu haben’. […] SpudCell zeigt: Wenn man will, dass etwas lebt, müssen intelligente Akteure es in einer sorgfältig kontrollierten Umgebung mit allen notwendigen genetischen Informationen und einer genau richtigen Mischung aus Molekülen versorgen.“

Ein beeindruckender Nachbau – aber keine Neuschöpfung

Je genauer Wissenschaftler versuchen, eine Zelle nachzubauen, desto deutlicher zeigt sich, wie viel Organisation, Information und präzise Abstimmung notwendig sind. Jeder Bestandteil musste sorgfältig ausgewählt, jede Konzentration bestimmt und jede Bedingung kontrolliert werden. SpudCell entstand nicht durch zufälliges Zusammenmischen von Chemikalien. Es war das Ergebnis umfangreicher Planung, jahrelanger Forschung und zielgerichteter Arbeit einer menschlichen Intelligenz. Aus einer schöpfungsorientierten Perspektive wirft dies eine grundlegende Frage auf: Wenn bereits der Nachbau einer stark vereinfachten Zelle ein solches Maß an Wissen, Planung und technischer Kontrolle erfordert – was sagt dies über die ursprüngliche Komplexität lebender Systeme aus?

SpudCell ist keineswegs ein Beleg dafür, dass Leben aus unbelebter Materie erschaffen wurde. Vielmehr zeigen diese Bemühungen, wie weit Menschen darin gekommen sind, bereits vorhandene biologische Systeme zu untersuchen, ihre Funktionsweise zu analysieren und sie nachzubauen. Die grundlegenden Prinzipien, die genetische Information und die molekularen Maschinen, auf denen diese Systeme beruhen, wurden jedoch nicht von den Wissenschaftlern erfunden oder neu erschaffen. Sie wurden aus der bestehenden biologischen Welt übernommen und in einem Labor zusammengefügt. Die Leistung besteht daher im Nachbau bekannter biologischer Systeme – nicht in der Erschaffung von Leben.

Literatur

Binder H (2010) Künstliche Zellen – oder wurde gar Leben erzeugt? Genesisnet News vom 17.06.2010, https://genesis-net.de/n/152-0/.
Borger P (2021) Ganz oder gar nicht: Die sich teilende Zelle benötigt mindestens 492 Gene. Genesisnet News vom 29.07.2021, https://genesis-net.de/n/293-0/.
Fischer L (2026) Künstliches Leben. Großer Ärger um eine kleine Zelle aus dem Labor, vom 07.07.2026, https://www.spektrum.de/news/spudcell-grosser-aerger-um-eine-kleine-kuenstliche-zelle/2332884.
Gaut NJ, Deich C, Cash B et al. (2026) A Chemically Defined Synthetic Cell Capable Of Growth And Replication. bioRxiv, doi: 10.64898/2026.07.01.735724.
Gibson DG, Glass JI, Lartigue C et al. (2010) Creation of a bacterial cell controlled by a chemically synthesized genome. Science 329, 52–56.
Hutchison CA 3rd, Chuang RY, Noskov VN et al. (2016) Design and synthesis of a minimal bacterial genome. Science 351, aad6253.
Luscin C (2026) “SpudCell”: More Evidence that Origin of Life Requires Intelligent Design, vom 20.07.2026, https://scienceandculture.com/2026/07/spudcell-more-evidence-that-origin-of-life-requires-intelligent-design/.


Anmerkung

[1] Der Name „SpudCell“ ist spielerisch gemeint: „Spud“ ist im Englischen eine umgangssprachliche Bezeichnung für Kartoffel. Der Name entstand zunächst als Scherz im Forschungsteam und spielt zugleich auf „Sputnik“ an – den ersten künstlichen Satelliten und ein Symbol für den Beginn einer neuen technologischen Ära.


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