Die Qumranrollen bestätigen die Zuverlässigkeit des Alten Testaments
Wie gut wurde der hebräische Text des Alten Testaments überliefert? Dieser Artikel gibt einen ersten Überblick mit Bezug auf die Schriftrollen vom Toten Meer.

Abb. 1 (Introbild): Die Qumran-Höhlen zusammen mit der vollständigen großen Jesajarolle aus Qumran, welche dem Masoretentext aus dem Mittelalter nahesteht. (Nach Tamarah, CC BY-SA 2.5; Willem van de Poll, CC0)
In dem Artikel „The Essence and History of the Masoretic Text“ gibt der weltweit führende Qumranexperte Emanuel Tov (2017) eine Art kondensierten Überblick über seine Erkenntnisse bezüglich der Zuverlässigkeit der Überlieferungen des Alten Testaments. Tov war unter anderem ab 1990 auch verantwortlicher Herausgeber des Dead Sea Scrolls Publication Projects zur Erforschungder Handschriften vom Toten Meer, zu denen auch die berühmten Handschriften aus den Qumran-Höhlen gehören (s. Abb. 1).
Die Handschriften aus der judäischen Wüste in der Nähe des Toten Meers in Israel waren eine der wichtigsten wissenschaftlichen Entdeckungen des 20. Jahrhunderts. Da etwa 255 dieser Handschriften alttestamentliche Texte aus dem Zeitraum ab dem 3. Jahrhundert v. Chr. enthielten (Tov 2017), konnten durch sie wichtige Antworten zu der Frage gewonnen werden, wie zuverlässig der hebräische Text bis ins Mittelalter überliefert worden war. Immerhin stammten die bis dahin ältesten weitgehend vollständigen Handschriften des hebräischen Alten Testaments (masoretische Texttradition) aus dem 10./11. Jh. n. Chr.: Codex von Aleppo (ca. 925 n. Chr., Abb. 2) und Codex Leningradiensis (ca. 1008/9 n. Chr., Abb. 3).

Abb. 2 Codex von Aleppo von ca. 925 n. Chr. (Gemeinfrei, Wikimedia)
Tov (2017) kommt zu dem Schluss, dass das hebräische Alte Testament mit einer außergewöhnlichen Exaktheit über ein Jahrtausend hinweg von den Juden kopiert wurde – dies trifft insbesondere auf den sogenannten protomasoretischen Texttyp der Schriftrollen vom Toten Meer zu. In Qumran wurden allerdings auch andere Texttypen entdeckt. Dazu gehören z. B. freiere, „Masoreten-ähnliche“ Texte wie die große Jesaja-Rolle, die in bis zu 10 % der Wörter Eigenarten besitzen (s. Abb. 1), oder solche, die dem Samaritanischen Pentateuch oder der Septuaginta (den griechischen Übersetzungen des Alten Testaments) nahestehen (vgl. S. 14f).
Im Unterschied zu der Vielfalt an Texttypen in Qumran stimmen die ca. 25 weiteren noch erhaltenen protomasoretischen Handschriften vom Toten Meer im Konsonantentext „fast vollständig“ mit dem Codex Leningradiensis (Abb. 3) überein (Tov 2017, 13+15; die Vokale sind erst spätere Hinzufügungen). Diese Handschriften stammen nach bisherigen Datierungen aus dem Zeitraum 50 v. Chr. bis 30 n. Chr. (Masada) bzw. 20 bis 115 n. Chr. (Wadi Murabba‘at, Wadi Sdeir, Naḥal Ḥever und Naḥal ‚Arugot). Tov (2017, 13) schlussfolgert über den mittelalterlichen masoretischen Konsonantentext, dass sich dieser „im Laufe von eintausend Jahren nur wenig verändert hat“ und in seiner Gesamtform bereits im 1. Jahrtausend vor Christus existierte (S. 13f).

Abb. 3 Codex Leningradiensis von 1008/9 n. Chr. stellt die Hauptvorlage für heutige hebräische Bibeln dar; hier Seite mit 2. Mose 15,14–16,3. (Gemeinfrei, Wikimedia)
Besonders bemerkenswert ist, dass die erst im Jahr 2016 mittels micro-CT entzifferte En-Gedi-Rolle (3./4. Jh. n. Chr.; Teile von 3. Mose 1–2) „in allen Einzelheiten“ mit dem mittelalterlichen Codex Leningradiensis übereinstimmt (Tov 2017, 13f). Auch für andere protomasoretische Texte gilt, dass sie genauso ähnlich zu den mittelalterlichen masoretischen Handschriften sind wie diese untereinander (S. 14). Der Unterschied liegt grob geschätzt bei maximal 2 Prozent der Wörter des Textes und bezieht sich auf „Details der Rechtschreibung, kleine sprachliche Unterschiede und winzige inhaltliche Unterschiede“ (Tov 2017, 14).
Tov deutet die hohe Übereinstimmung von protomasoretischen zu masoretischen Handschriften so, dass erstere von jüdischen Freiheitskämpfern benutzt worden waren, die sich „eng an die Vorgaben der (proto-)rabbinischen geistigen Zentren hielten“, und daher ausschließlich den von der geistlichen Leiterschaft akzeptierten protomasoretischen Text verwendeten (S. 14+16). Die exakte Überlieferung des Alten Testaments sieht Tov außerdem in strengen rabbinischen Traditionen durch „professionelle Korrektoren“ (maggihim) im Jerusalemer Tempelbezirk begründet (S. 14+16).
Bereits in Handschriften vom Toten Meer findet sich die Verwendung textkritischer Zeichen, um Varianten zu kennzeichnen (S. 17), was wiederum die Sorgfalt der Abschreiber zeigt. Die Masoreten hatten einen solchen Respekt vor dem überlieferten Bibeltext, dass sie quasi „die gesamte Schriftfläche der von ihnen kopierten Texte“ als heilig wahrgenommen und daher auch Randnotizen weiter überliefert haben (S. 17).
Obwohl es auch kleinere Unterschiede in (proto-)masoretischen Handschriften der letzten 2300 Jahre gibt, begegnet uns hier laut Tov „im Allgemeinen“ der beste verfügbare Text des Alten Testaments (S. 19). Dies gilt auch, wenn Tov und andere Experten in einigen Fällen (z. B. bei 2. Samuel 22+23) anderen Lesarten wie den freieren Qumran-Texten oder Varianten aus der griechischen Septuaginta den Vorrang geben.
Die genannten Erkenntnisse bestätigen, wie außergewöhnlich zuverlässig das hebräische Alte Testament über einen Zeitraum von 2300 Jahren überliefert worden ist.
Literatur
Tov E (2017) The Essence and History of the Masoretic Text. БОГОСЛОВЉЕ 1, 7–26.
Autor: Benjamin Scholl im Studium Integrale Journal 32, 143-144.